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Marburg Eine „Neunte“, die lange nachklingt
Marburg Eine „Neunte“, die lange nachklingt
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00:17 10.10.2018
Einheit und Trennung: Die Aufführung des Marburger Konzertvereins zur heimischen Einheitsfeier verabschiedet Lukas Rommels­pacher als Dirigent der Jungen Marburger Philharmonie. Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Es gibt sicher nur wenige Kapellmeister, die bereits am Anfang ihrer Laufbahn Ludwig van Beethovens neunte Sinfonie aufführen dürfen. Zu verdanken hat der 26-jährige Marburger Lukas Rommelspacher diese seltene Gelegenheit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Dieser habe vor elf Monaten die Junge Marburger Philharmonie (JMP) angefragt, ob sie das zur Europa-Sinfonie erklärte Meisterwerk am Tag der kulturellen Vielfalt musizieren könne.

Die Begeisterung für dieses Projekt sei im Orchester sofort zu spüren gewesen, berichtet Rommelspacher, der nach knapp fünf Jahren an der Spitze der JMP aufhört, unter anderem weil er nach erfolgreichem Studienabschluss seit dieser Spielzeit als Solorepetitor an der Oper Frankfurt engagiert ist, also am Klavier mit Sängern ihre Partien einstudiert.

Düsternis, Kampf und Schrecken

Es war faszinierend zu beobachten, mit welcher Souveränität Rommelspacher die JMP durch das nicht nur für Laienmusiker an Klippen reiche Werk lotste. In den ersten drei rein instrumentalen Sätzen zeigte sich, wie stark er das vor 25 Jahren gegründete Orchester geprägt hat: Im dramatischen Kopfsatz, der Düsternis, Kampf und Schrecken beschwört, kam es zwar noch zu kleineren Ungenauigkeiten. Aber das von rhythmischer Ekstase beherrschte Scherzo ging ob seiner tänzerischen Energie unter die Haut. Und im weihevollen Adagio ließ Rommelspacher seine 80 Musiker mit einer Innigkeit auf ihren Instrumenten singen, die zutiefst berührte.

Auch im kantatenhaften Finalsatz ging das Orchester weiter für seinen jungen Maestro durchs Feuer. Obwohl schon hundertmal gehört, verfehlte das erste Erklingen der zur Europa-Hymne gewordenen Melodie auf Friedrich Schillers „Freude schöner Götterfunken“ auch diesmal seine ergreifende Wirkung nicht: Im Holzbläserchor wie von ferne aufscheinend, entwickelt es sich von den Bässen aus aufsteigend durch alle Streicherstimmen bis hin zum strahlenden Tutti.

Für den folgenden Vokalpart war ein Projektchor gegründet worden. Zum Großteil bestand er aus der Kantorei der Elisabethkirche, deren Leiter Nils Kuppe aber auch Mitglieder seines Unichores sowie der Kurhessischen Kantorei und des Marburger Bachchores dazu geholt hatte. Und in den nicht so sehr vom Orchester dominierten Passagen wie „Seid umschlungen Millionen“ zeigte sich auch, wie kultiviert und differenziert Kuppe seinen Chor singen ließ. Streckenweise jedoch hatten es die etwa 80 Sängerinnen und Sänger bei allem Enthusiasmus schwer, sich gegenüber dem Orchester zu behaupten, was jedoch nicht am Dirigenten lag.

Minutenlanger Beifall

Für groß besetzte Chor-Orchester-Werke ist die Guckkastenbühne der Stadthalle akustisch nicht geeignet; sie kommen viel besser zur Geltung in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien, wie der Hessische Konzert- und Festspielchor vor einem Jahr am Vorabend des 3. Oktober beeindruckend bewies, als er sich mit der „Neunten“ an der Feier zu „700 Jahre Judentum“ beteiligte.

Trotzdem wird die vom Marburger Konzertverein veranstaltete Aufführung als krönender Abschluss der heimischen Einheitsfeier noch lange nachklingen bei allen, die das Glück hatten, dabei zu sein.

Mit minutenlangem Beifall und Bravo-Rufen feierten die 900 Besucher im ausverkauften Saal alle Mitwirkenden, auch die vier Gesangssolisten Karola Pavone (Sopran), Ulrike Malotta (Mezzosopran), Hubert Schmid (Tenor) und Johannes Schwarz (Bariton), die ihre zwar kurzen, aber technisch schwierigen Partien glänzend meisterten.

Dass ausgerechnet der leuchtkräftig das Quartett anführenden Sopranistin der heikle Höhenflug auf „Wo dein sanfter Flügel weilt“ verrutschte, hat sie sicher am meisten betrübt. Aber das ist eben „live“.

von Michael Arndt