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Marburg Junge Geigerin verzaubert Publikum
Marburg Junge Geigerin verzaubert Publikum
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16:36 25.04.2017
Das Foto zeigt die Junge Geigerin als Solistin bei einem Orchesterkonzert. Am Sonntag stand sie beim Konzertverein in Marburg ganz alleine auf der Bühne. Quelle: Monika Lawrenz
Marburg

Ganz alleine stand die junge Geigerin Liv Migdal beim Konzertverein auf der Bühne. Doch mit dem schönen, ausgeglichenen Klang ­ihrer Jean-Baptiste-Vuillaume-­Geige aus dem Jahr 1870 erfüllte­ sie schnell den Raum des ­Erwin-Piscator-Hauses. Die anspruchsvollen Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Paul Ben-Haim und Béla Bartók, die mit einem ernormen Technikrepertoire um einen Grundton herum arbeiteten, ließen schnell vergessen, dass hier nur ein Instrument gespielt wurde.

Die erst 28-jährige Liv Migdal brillierte als reife und ausdrucksstarke Interpretin. Energisch verdeutlichte sie im ersten Satz von Paul Ben-Haims Sonate für Violine solo aus dem Jahr 1951 die Rückgriffe auf jüdische Traditionen des Komponisten, der 1933 ins heutige Israel emigrierte.

Es war aber vor allem der zweite Satz „Lento et sotto voce“, bei dem Migdal großes Einfühlungsvermögen bewies. Ganz sanft und teilweise sehr leise 
 ließ sie der schönen Musik großen Raum und hatte auch den Mut zu dramatischen Pausen. Es war einer der wenigen Momente des Abends, an dem deutlich wurde, dass hier eine Geige ganz alleine ohne Begleitung erklang.

Solistin: Auftritt war überwältigend

Bereits als Elfjährige begann Liv Migdal ihr Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock und führte­ ihre Ausbildung am Salzburger Mozarteum fort. Ursprünglich war beim Konzertverein ein Duo-Abend mit Liv Migdals Vater Marian Migdal geplant, mit dem sie ihre erste CD eingespielt hatte, die von der Kritik hochgelobt wurde. Doch Marian Migdal verstarb kürzlich. So entschied sich die junge Geigerin für einen Soloabend und stand somit zum ersten Mal alleine vor so einem großen Saal.

Der Auftritt sei überwältigend gewesen, sie habe sich aber auch sehr wohlgefühlt, berichtet die Violinistin im OP-Gespräch. „Das sage ich nicht einfach so: Es war großartig“, so Migdal, die besonders die hohe Aufmerksamkeit und Konzentration des Marburger Publikums lobte. Wie Ben-Haims Sonate, war auch die Sonate für Violine solo Nr. 2, Sz. 117, von Béla Bartók ein Auftragswerk des Ausnahmegeigers Yehudi Menuhin. Eigentlich als Bonbon für eines der Menuhin-Konzerte gedacht, gilt die Bartók-Sonate heute neben den Bach-Sonaten als eines der Hauptwerke für Solovioline.

Expressiv und doch differenziert

Migdal überzeugte auch hier mit starkem Ausdruck und sicherer Technik. Die typischen Bartók-Pizzicati, die so stark gezupft werden, dass die Saite beim Zurückschnellen auf das Griffbrett auftrifft, streute sie wie zufällig ein. Beim wunderschön lyrischen dritten Satz ließ Migdal ihre Geige richtig singen und spielte selbst die ganz hohen Töne ungemein sicher. Selbst kurz vor Ende des Konzertes hörten die gut 550 Besucher gebannt zu, so dass im Saal das leichte Rauschen der mehrfach gegriffenen Flageoletts zu hören war.

Eröffnet hatte sie den Abend mit der Sonate für Violine ­solo Nr. 3 in C-Dur, BWV 1005, von Johann Sebastian Bach. Wie bei der Zugabe, der Passacaglia von Heinrich Ignaz Franz Biber, verwendete Migdal hier einen kürzeren Barock-Bogen. Im 19. Jahrhundert galten die Solosonaten noch als fast unspielbare Übungswerke. Doch in den 1930er-Jahren spielte Yehudi Menuhin als Erster die Sonaten, damals noch auf Schellackplatte, ein.

Mit starkem Strich und viel Leidenschaft entwickelte Liv Migdal die wunderschöne Musik, was besonders im ausführlichen zweiten Satz, der Fuge, faszinierte. Expressiv und doch differenziert, mal etwas schneller, mal etwas leiser, führte sie durch die Fuge und begeisterte mit einem hervorragend klaren und deutlichen Klang.

Das Publikum war begeistert und feierte bereits nach der Bach-Sonate die Violinistin mit Fußtrampeln und starkem Applaus. Und am Ende gab es sogar stehende Ovationen.

von Mareike Bader