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Marburg „Heute ist für uns kein Gedenktag“
Marburg „Heute ist für uns kein Gedenktag“
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00:17 12.11.2018
Die Ruine der Synagoge nach der Reichspogromnacht. An deren Stelle befindet sich heute der Garten des Gedenkens. Quelle: Archiv
Marburg

In vielen deutschen Städten gibt es am Freitag und Samstag Gedenkfeiern. Die Reichspogromnacht, eine vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahme gegen Juden, jährt sich am Freitag zum 80. Mal. Über 1.400 Synagogen, darunter auch die in Marburg, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 hin zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete.

„Der 9. November ist ein deutscher Gedenktag, nicht unserer“, sagt Monika Bunk, die am Samstag um 18.30 Uhr im Garten des Gedenkens an der Universitätsstraße, wo die alte Synagoge stand, sprechen wird. Sie ist zweite Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg. „Keine einzige jüdische Gemeinde in Deutschland organisiert Gedenkfeiern am 9. November. Es ist nicht jüdische Aufgabe, deutsches Gedenken zu initiieren“, sagt sie und ergänzt: „Das politische Statement muss von der Gesellschaft kommen, gerade wo der Antisemitismus wieder mehr zu spüren ist.“

Zwölf Prozent mehr antisemitische Vorfälle als im Vorjahreszeitraum

In Marburg leben keine jüdischen Zeitzeugen mehr, die Erinnerungen an den Synagogenbrand haben. Die letzte Zeitzeugin ist im Alter von 93 Jahren vor zehn Jahren verstorben. In Israel gab es auch welche, die wohl aber mittlerweile auch alle nicht mehr leben. „Trotzdem ist es wichtig, immer wieder an diese Taten zu erinnern“, betont Monika Bunk. „Es sind greifbare Geschichten und Bilder, weil sie im eigenen Ort oder in der Nachbarschaft passiert sind.“
Für die jüdische Bevölkerung gibt es einen anderen wichtigen Tag, an dem sie gedenken – die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945. „Der Jahrestag fällt seit Jahrzehnten hinten runter“, sagt Monika Bunk. „Die Befreiung hat nicht hier stattgefunden, sondern weit weg.“

Auch wenn Berlin und Pittsburgh ebenfalls weit weg von Marburg sind, so verfolgt die jüdische Gemeinde die Vorfälle, die dort passiert sind. In der ersten Jahreshälfte von 2018 gab es in der Bundeshauptstadt schon zwölf Prozent mehr antisemitische Vorfälle als im gleichen Vorjahreszeitraum. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) meldete bis jetzt 527 Fälle in ihrem Bericht, der Ende Oktober veröffentlicht wurde.
Darin enthalten sind auch alle Fälle, die nicht polizeilich zur Anzeige gebracht wurden. Monika Bunk: „Wenn ich das lese und höre, dann macht mich das nicht betroffen, sondern eher zornig.“

"Hakenkreuze sind keine Scherz"

Die Ermordung von elf Juden in der Tree-of-Life-Synagoge im amerikanischen Pittsburgh Ende Oktober durch einen Antisemiten schiebt sie auch der judenfeindlichen Politik von US-Präsident Donald Trump zu. „Er sorgt für ein antijüdisches Klima in den Vereinigten Staaten.“

Das verspürt sie auch in Deutschland – unterschwellig, latent aus der bürgerlichen Mitte heraus. Sie war geschockt, als die Marburger Polizei Hakenkreuzschmierereien an Halloween in Marburg und im Hinterland für einen Scherz hielt. „Hakenkreuze sind kein Scherz, egal an welchem Tag sie an Wände geschmiert werden. Auch einfach jemanden anzugreifen, weil mir seine Religion nicht passt, ist kein Scherz“, findet die Marburger Jüdin. „Allein, dass es so weit ist, dass solche Taten überhaupt für einen Scherz gehalten werden, macht mich sehr nachdenklich.“

Feinden der Demokratie keine Plattform bieten

Für sie eine probate Lösung: politische Bildung, auch für bestimmte Migrantengruppen. „Aber es wird derzeit so viel Stimmung gemacht, da ist es schwierig, sachlich aufzuklären.“ Überhaupt würde Gegnern der Demokratie in Deutschland zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Sie halte es wie TV-Moderator Frank Plasberg, der mal sagte: „Wir dürfen Feinden der Demokratie keine Plattform bieten“, und die AfD zwischenzeitlich einfach nicht in seine Sendung „Hart aber fair“ einlud.

„Wer sich mit seinem Parteiprogramm am Rande der Gesetze entlanghangelt und diese sogar manchmal nicht einhält, der sollte viel genauer vom Verfassungsschutz kontrolliert werden“, hält Monika Bunk nicht mit ihrer AfD-Kritik hinterm Berg. Die zwölf Juden mit sowjetischem Hintergrund, die sich deutschlandweit zu der Partei bekannt hatten, bezeichnet sie als „Feigenblatt der AfD. Denn Juden sollten wissen, dass Einschränkungen der Religionsfreiheit der Muslime genauso auch Einschränkungen der Religionsfreiheit für Juden bedeuten.“

Schon E-Mails an den Verfassungsschutz weitergeleitet

In Marburg spürt sie vor allem einen „immanenten Rassismus“ von rechts, nicht brutal verbal, aber unterschwellig. Sie erinnert sich an Textausschnitte einer ihrer Reden, die handschriftlich mit antisemitischen Kommentaren im Briefkasten der jüdischen Gemeinde landeten. Oder an einen mit Schreibmaschine geschriebenen Hetzbrief, der sie erreichte, als die gespendete Tora in der Marburger Synagoge angekommen war. „Manche E-Mails habe ich auch schon an den Verfassungsschutz weitergeleitet. Oftmals werden diese Mails an alle jüdischen Gemeinden in Deutschland geschickt.“

Übergriffe gab es in Marburg bis jetzt nicht. Trotzdem fährt die Polizei täglich regelmäßig Streife, stehen die Beamten immer bei Gottesdiensten, jüdischen Feiertagen und bei anderen Veranstaltungen nach Ermessen vor der Synagoge an der Liebigstraße. „Darauf haben wir keinen Einfluss, das entscheidet das Landeskriminalamt in Wiesbaden“, erklärt Monika Bunk.

"Austausch ist wichtig"

Zwischen den Religionsgemeinschaften in der Lahnstadt gibt es einen regen Austausch. Es wird sich getroffen, diskutiert, debattiert. „Wir schotten uns nicht ab“, betont die stellvertretende Vorsitzende. „Das Gespräch ist uns wichtig. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen.“ Dabei geht es oft sehr emotional beim Runden Tisch der Religionen zu, aber immer konstruktiv, und am Ende konnte bisher stets ein Konsens gefunden werden. „Genau dieser Austausch ist wichtig. Er sorgt dafür, dass es kein größeres Aggressionspotenzial gibt.“ Denn eines haben alle Religionen, bis auf den Buddhismus, gemeinsam – den Glauben an einen Gott, egal welchen Namen dieser trägt.

von Katja Peters