Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Jonannes M. Becker: „Die Welt wird nicht unfriedlicher“
Marburg Jonannes M. Becker: „Die Welt wird nicht unfriedlicher“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 27.12.2018
Privatdozent Dr. Johannes M. Becker im OP-Interview. Der Wissenschaftler stellt die Erkenntnisse der Friedens- und Konfliktforschung auch in Schulen vor. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Privatdozent Dr. ­Johannes M. Becker, ehemaliger Geschäftsführer des Marburger Zentrums für Konfliktforschung, hält neben Uni-Vorlesungen Vorträge vor ­allem für Oberstufen-Schüler. Themen sind beispielsweise der Libyen-Krieg, die allgemeine Militarisierung, das Verhältnis von Türkei und Europäischer Union sowie der Ausgleich zwischen „Erster“ und „Dritter“ Welt. Im Interview erklärt der Politikwissenschaftler, was er an den Schulen vermitteln will und warum er Aufrüstung für unsinnig hält.

OP: Herr Becker, Sie berichten an Schulen über Erkenntnisse­ der Friedens- und Konfliktforschung. Was wollen Sie den Schülern vermitteln?
Johannes M. Becker: Zunächst einmal sage ich ihnen, was wir am Zentrum für Konfliktforschung machen. Das kann man auf einen einfachen Nenner bringen: Wir versuchen, Konflikte möglichst gewaltfrei zu regeln. Zweitens sage ich den Schülerinnen und Schülern: Unser grundlegendes Werkzeug ist, dass wir an jeden Konflikt aus mindestens zwei Perspektiven herangehen. Drittens versuche ich, ihnen die Angst zu nehmen. Denn: Die Welt ist nicht unfriedlicher geworden. Wir haben nur das Gefühl, dass sie unfriedlicher geworden ist.

OP: Woher kommt dieses ­Gefühl?
Becker: Die Folgen der Konflikte schwappen zum ersten Mal massiv nach Nord- und Westeuropa über. Die Auswirkungen der westlichen Interventionen, zum Beispiel im Irak, in Afghanistan, in Libyen und in Syrien, kommen jetzt zu uns.

OP: Über Krieg und Frieden wird ja vor allem auf hoher politischer Ebene verhandelt. Warum also stellen Sie Ihre Erkenntnisse gerade Schülern vor?
Becker: Die Friedensforschung strebt Politikberatung an. Ich selbst berate beispielsweise in Brüssel und Berlin eine Fraktion. Aber die Menschen auf der Straße und in den Schulen interessieren sich ebenfalls für Krieg und Frieden. Laut Umfragen treibt sie in erster Linie die soziale Frage um, und dann kommen relativ schnell Fragen der Sicherheitspolitik und des Friedens: also unser Verhältnis zu Russland, Auswirkungen von Migration und so weiter.

OP: Das Thema Migration weckt bei vielen Menschen Angst. Das ist auch ein Thema Ihrer Vorträge. Was vermitteln Sie da?
Becker: Ich versuche auch da, den Menschen die Angst zu nehmen. Erstens ist eine wichtige Erkenntnis, dass die Kriminalitätsrate der Migranten in ­einer bestimmten Altersgruppe­ nicht höher ist als bei hier ­lebenden Menschen derselben Altersgruppe. Zweitens teile ich ­ihnen mit, wie viele so genannte Fluchtwellen Deutschland schon erlebt und überlebt, gar davon profitiert hat. Das fängt an mit den polnischen Fremdarbeitern, die um 1900 ins Ruhrgebiet und nach Elsass-Lothringen zugewandert sind. Nach 1944 kamen 14 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland – zwei Millionen in die DDR, zwölf in die Bundesrepublik. Dann kamen Millionen Gastarbeiter – Italiener, Spanier, Portugiesen, Türken und so weiter. Die sind heute zum großen Teil gut bei uns integriert.

Putin - ein "berechenbarer Diktator"

OP: Die Vereinigten Staaten sind kurz davor, den Abrüstungsvertrag INF zu kündigen, Nato und Russland betreiben militärische Muskelspiele. Welche Chance haben da noch friedliche ­Lösungen?
Becker: Sagen Sie mir die Alternative! Es gibt keine Alternative dazu, dass wir Konflikt­lagen zunächst analysieren und sie dann gewaltfrei zu regeln versuchen.

OP: Versteht das auch US-Präsident Donald Trump?
Becker: Wir müssen auch Herrn Trump realistisch einschätzen.­ Er hat zwar ein paar Raketen auf Damaskus abgefeuert, aber er hat noch keinen Krieg angefangen. Der INF-Vertrag ist noch nicht gekündigt, und jetzt hat die russische Regierung angeboten: Kommt und inspiziert die Waffen, die wir in den vergangenen Jahren angeschafft haben, die angeblich euch bedrohen und den Vertrag verletzen.

OP: Das Vertrauen des Westens in Russland ist durch die Ukraine-Krise erschüttert.
Becker: Ich bin kein Fan des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Aber ich versuche, ihn realistisch einzuschätzen. Und ich halte ihn für einen ­berechenbaren Diktator. Wir im Westen haben mit dem Jugoslawien-Krieg die Vorlage geliefert für das, was sich Russland dann auf der Krim genommen hat. Das ist ganz einfach Realpolitik, unter anderem, weil auf der Krim die russische Flotte stationiert ist. Der Westen hat einen Staatsstreich in der Ukraine gefördert, die Nato dehnt sich fortwährend nach Osten aus. Sie hat sogar der Ukraine einen Nato-Beitritt angeboten. Deshalb ist der Westen mitverantwortlich für diese Spannungen.

OP: Es gibt allerdings Politiker – auch in der Nato –, die meinen, dass es eine Alternative zu Abrüstung gibt. Nämlich: Wir müssen aufrüsten, damit wir militärisch stärker sind als Russland.
Becker: Ich halte die Aufrüstung für unverantwortlich. Wir haben in den vergangenen Jahren 1.700 Milliarden Euro ausgegeben für Rüstung, davon 70 Prozent aus den Nato-Staaten. Das Nato-Ziel, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Aufrüstung auszugeben, bedeutete­ wegen des steigenden Bruttoinlandsproduktes in fünf Jahren eine Verdopplung des Rüstungshaushaltes der Bundeswehr. Das ist auch einer der Kernpunkte, die ich mit den Schülerinnen und Schülern bespreche. Ich frage: Habt ihr eine Idee, was passiert, wenn irgendwo in Deutschland eine Atombombe­ einschlägt? Dann fährt kein Computer mehr hoch. Zweitens frage ich sie: Was produziert ein Panzer? Was produziert dagegen eine Schul-Aula? Die Schul-­Aula produziert, dass wir hier trocken sitzen und diskutieren können. Ein Panzer wird entweder eingesetzt oder er rostet. Oder wir exportieren ihn in die so ­genannten Entwicklungsländer und machen deren Wirtschaft kaputt. Rüstung ist unproduktiv und schafft nichts.

"Wir müssen Rüstungsexporte stoppen"

OP: Was ist mit den Arbeitsplätzen in der Rüstungsindustrie?
Becker: Nicht einmal dieses ­Argument ist sinnvoll. Die Bremer „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ hat errechnet, dass ein Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie etwa­ 135 000 Euro im Jahr kostet. Davon gehen etwa 40 000 Euro in die Konsumption: Der Rüstungsarbeiter muss Miete zahlen, kauft ab und zu ein Auto, schickt die Kinder in den Skiurlaub und so weiter. Der Rest geht in den Schornstein – da werden unsere besten Rohstoffe verheizt. Eine Lehrerin kostet 60 000 Euro im Jahr. Davon gehen auch 40 000 Euro in Konsumption. Rüstungsindustrie ist also volkswirtschaftlich absolut unsinnig. Die ganze Rüstungsindustrie macht überdies weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Wir müssen Rüstungsexporte stoppen, das ist für ein so reiches Land wie unseres machbar.

OP: Was soll dann aus den ­Beschäftigten der Rüstungsindustrie werden?
Becker: Wir können diese hochqualifizierten Leute – es sind um die 80 000 – binnen weniger Monate umschulen. Sie können vernünftigere Dinge bauen, zum Beispiel Prothesen oder Radwege. Sie können Altenpfleger werden oder sich um Bildung von Jugendlichen kümmern. Dafür muss unser Staat Geld ausgeben.

von Stefan Dietrich