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Jäger des verlorenen Ansehens

Marburger Kameradschaft Jäger des verlorenen Ansehens

Für die einen Geschichte umdeutende Militaristen, für andere Pfleger militärhistorischer Traditionen: Wer sind die Menschen in der Kameradschaft „Marburger Jäger“? Die OP hat sie getroffen – in ihrer Bortshäuser „Kaserne“.

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Karl Bingel zeigt die Traditionsfahne der „Marburger Jäger“ vor dem Relief, das einst in der Jägerkaserne hing und seit ­einigen Jahren im Vereinsheim, einer Art Militärmuseum der Kameradschaft in Bortshausen aufbewahrt wird.

Quelle: Björn Wisker

Bortshausen. Über dem Eingang einer alten Scheune hängt das Originalschild der Jägerkaserne. Damals, nach der Schließung des Soldatenstützpunkts in der Frankfurter Straße, wurde der Schriftzug abmontiert und auf den Müll geworfen. Für die Bauarbeiter war es Schrott, für die Kameradschaft „Marburger Jäger“ ist es ein Stück Geschichte, Erinnerungen an die Zeit Marburgs als Garnisonstadt. „Dass das Militär ein wichtiger Teil der Historie der Stadt ist, lässt sich nicht wegdiskutieren, sollte nicht einfach weggeworfen werden“ sagt Karl Bingel, der in Bortshausen lebt.

Der Vize-Vereinsvorsitzende rüttelt an der Tür des Gebäudes, das einst ein Fahrradgeschäft war und öffnet damit den Weg in das wohl versteckteste Mili­tärmuseum Mittelhessens. Im Treppenhaus hängt eine Galerie grimmig guckender Männer – es sind Porträtbilder aller Kommandeure des Bataillons „Marburger Jäger“.

Auf der gegenüberliegenden Seite, im schmalen Flur hängen Gruppenbilder der vorwiegend aus Marburg und dem Umland stammenden Soldaten aus dem frühen 20. Jahrhundert, die vor der Martin-Luther-Schule posieren. Daneben, in verstaubten Rahmen finden sich verblichene Fotos von Bismarck und Ludendorff. Darüber steht, umringt von Geweihen, Fahnen, Dokumenten und Büchern eine Autogrammkarte­ von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Sinneswandel nach Mitte der 2000er-Jahre

„Wir sind nicht die unbelehrbaren Nationalisten, zu denen wir gemacht werden. In unseren Reihen bewegten sich und bewegen sich Leute aller politischen Farben. Es ist auch nicht lange her, da gehörten wir genauso zur Selbstverständlichkeit in der Stadt wie vieles andere“, sagt Matthias Pozzi, Vorstandsmitglied.

Bis Mitte der 2000er-Jahre gaben sich Magistratsmitglieder und Stadtverordnete bei Empfängen der Jäger ein Stelldichein. Die Kameradschaft reagiert mit Verwunderung und Enttäuschung auf den Sinneswandel, den es seit der Initiative der Linken – die auf einem dem Museum nahen Kriegergedenkstein fußt – gegeben hat. Man ärgert sich, dass der Dialog mit dem Verein seit Jahren verweigert, dass seitens der Kritiker Aussagen über die Mitglieder getroffen würden, ohne die Vereinsversion zu hören.

„Wir wollen die Geschichte nicht schönreden, jeder Krieg, jeder Tote ist einer zu viel“, sagt Bingel. Man wolle aber nicht, dass in der Geschichtsbetrachtung „Tatsachen weggelassen oder hinzugedichtet“ werden – schon gar nicht von, „selbsterwählten Moralaposteln“ (Pozzi), die Kritik an Wladimir Putin meiden, die Mauer-Toten samt SED-Diktatur kleinredeten und die Aufarbeitung der eigenen kommunistischen Geschichte scheuten.

Ausstellungsstücke aus aufgelösten Museen

Bingel schaut auf ein steinernes Riesen-Relief, das einst in der Jägerkaserne, dann auf dem Tannenberg stand und die Einsatzorte der Jäger listet – unter anderen Palästina, Frankreich, Rumänien. Ein Gemälde der Schlacht bei Wörth aus dem Jahr 1870 hängt an der Wand, darunter befestigt ist eine Eisen­inschrift, die in einer Kirche im Lahntal hing, mit Gefallenen aus Caldern und Kernbach. Und über allem thront ein gigantisches Gemälde, das Margarethe von Italien zeigt.

Die italienische Königin wurde von Kaiser Wilhelm II. zur Chefin des in Marburg gelegenen Preußischen ­Jägerbataillons 11, des vormaligen Kurhessischen Jägerbataillons 11, ernannt. Seitdem trugen die „Marburger Jäger“ ein großes „M“ auf den Schulterklappen ihrer grünen Uniformen, von denen es in Bortshausen noch mehr als ein halbes Dutzend im Original gibt.

Die Etagen sind zugepflastert mit Ausstellungsstücken, die nach der Auflösung von Bundeswehrmuseen, etwa einem in der Hessenkaserne vor allem in den vergangenen Jahren in Bortshausen zusammengetragen wurden.­ Vieles, von Gewehren und Bajonetten über Spielfiguren und Schmuck, stammt aus Privatbesitz, sind Spenden an den Verein, der sie wiederum an die Bundeswehr verlieh.

Teilnahme an Gedenkveranstaltungen

„Wir bewahren und erinnern, aber wir verherrlichen nicht blind“, sagt Eberhard Elbe, ehemaliger Bundeswehr-Offizier und verweist auf Teilnahmen der Kameradschafts-Mitglieder an Trauer- und Gedenkveranstaltungen etwa in Frankreich und Belgien. So alleine sie in der Universitätsstadt damit auch sind: Aus den Lücken der 2013 von der Geschichtswerkstatt erstellten Studie – tatsächlich sind auch aufgrund der überschaubaren Quellenlage einige Aspekte der Untersuchung unvollständig, vage und auf Indizien und Ableitungen gestützt – leiten die Soldaten-Nachfahren eine mindestens verzerrte, bisweilen ­politisch motivierte Darstellung einiger Ereignisse ab.

"Nicht überdramatisieren"

Als Belege führen sie alte Soldatenschriften, Chronologien aus der eigenen, zu Hauf in Bortshausen vorhandenen Militär-Literatur an. „Die Welt war auch damals komplizierter und es gibt mehr als eine Wahrheit und Sichtweise auf das Geschehene“, sagt Elbe. Man wolle die Rolle der Vorfahren an einigen Schau- vor allem Kampfplätzen der Welt des späten 19. und frühen 20. Jahrhundertes „nicht verharmlosen, aber eben auch nicht überdramatisieren“. Herrero in Namibia, der Boxeraufstand in China, der Angriff in Königshütte:­ Es sind solche Aussagen, die von Kritikern, die Kriegsverbrechen des Jäger-Bataillons als erwiesen ansehen, als mangelnde Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte bewertet werden. Ein Vorwurf, dem Pozzi im OP-Gespräch widerspricht.

Marburger Jäger an umstrittenen Militäreinsätzen beteiligt gewesen

Im Verein gebe es immer wieder Debatten um die eigene Vergangenheit, „auch unter uns gilt manches aus der Geschichte als Teufelswerk“, sagt Pozzi. Es sei unstrittig, dass Mitglieder der „Marburger Jäger“ an umstrittenen Militäreinsätzen beteiligt gewesen seien, getötet hätten. Die Gewalttaten mit Hunderten Toten im belgischen Dinant etwa hat die Kameradschaft bei einem Vor-Ort-Besuch vor vier Jahren als „Untaten“ bezeichnet, für die man „Abbitte leistet“ und man auf „Versöhnung“ hofft.

Nur gelte es laut Pozzi, eben zu differenzieren – gerade zwischen jenen, die sich etwa für China oder Namibia freiwillig meldeten – Modell Fremdenlegion – und jenen, die als einfache Soldaten Befehle befolgten, oder wie in Königshütte „gegen Aufständische in Notwehrsituation“ handelten. „Immer werden alle auf einen Schlag verurteilt. Was uns an die Nieren geht, ist die Pauschalisierung“, sagt er.

Krieg sei nie eine schöne Sache, jeder Tote sei zu beklagen, zu betrauern. Grundsätzlich müsse man aber den Geschichtsverlauf, die Geschehnisse aus der jeweiligen Zeit, aus dem Zeitgeist und auch Zwängen heraus verstehen und bewerten, nicht mit den moralischen Maßstäben von heute. „Und gerade Militärlaien, Hobby-Historiker sollten mit Bewertungen vorsichtig sein“, sagt Pozzi.

Klar abgrenzen will man sich zum Nationalsozialismus, zur NS-Zeit, besteht auf eine Betrachtung der Zeit bis 1919 – „mit diesem Jahr endet unsere Geschichte“. Ob der Konflikt zwischen ­Jägern und Kritikern hingegen irgendwann endet, ist noch offen.

Marburger Jäger: Das sind die Forschungsergebnisse der Geschichtswerkstatt
In der Studie der Geschichtswerkstatt belegen die Autoren unter Nennung mehrerer Quellen, dass die „Marburger Jäger“ seit ihrer Gründung immer wieder an Gewalttaten und anderen Verbrechen beteiligt waren.
Die Ergebnis-Zusammenfassung der 2013 erschienen Studie: Nach dem Sieg Deutschlands über Frankreich 1871 beteiligt sich das Marburger Jäger-Bataillon an der Niederschlagung der „Pariser Kommune“. Marburger Soldaten schossen auf Flüchtende oder hinderten sie an der Flucht. Elf Freiwillige des Kurhessischen Jäger-Bataillons beteiligten sich 1900/1901 an der Niederwerfung des Boxer-Aufstands in China. Am Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia beteiligten sich 23 Marburger Jäger. Im August 1914 war das Marburger Jägerbataillon Nr. 11 unter dem Kommando von Graf von Soden an Kriegsverbrechen gegen die belgische Zivilbevölkerung beteiligt. In der belgischen Kleinstadt Dinan starben 674 Zivilisten durch „Säuberungsaktionen“ der Deutschen, von den Marburger Jägern „Großes Strafgericht“ genannt. Das Reserve-Jäger-Bataillon 11 meldete sich nach dem 1. Weltkrieg für den „Heimatschutz Ost“ genannten Grenzschutz in Oberschlesien; dabei wurden im ­Januar 1919 durch die Marburger Reservejäger bei einem Aufstand in Königshütte mindestens 16 Menschen getötet.  Die Kriegsteilnehmer der Jäger­bataillone schlossen sich ab 1919 zu ersten Kameradschaften zusammen.
Die Marburger SA trat ab 1933 als „SA-Standarte Marburger Jäger 11“ auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden unter anderem auch die Traditionsgruppen der Marburger Jäger von den Alliierten verboten. Ab 1979 nahm die heute noch aktive Kameradschaft Marburger Jäger/2. PzGrenDiv ihre Tätigkeit auf.
Der belgische Historiker Professor Axel Tixhon kündigte­ nach der Studien-Veröffentlichung weitere Forschungen speziell zu den Vorfällen in ­Dinant an. So gebe es mündlich weitergegebene Hinweise von Soldaten aus der sächsischen Armee, dass unter Beteiligung der Jäger Zivilisten im Stadtzentrum erschossen worden seien.

von Björn Wisker

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