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Ist das Kunst oder kann das weg?

Documenta-Sprüche für Kunstbanausen Ist das Kunst oder kann das weg?

Das kann ich auch“ und „Kunst kommt von Können!“ Solche Ausrufe sind garantiert, wenn wie jetzt bei der documenta in Kassel zeitgenössische Kunst gezeigt wird. Im Kern verweisen die Einwände auf die Frage: Was ist Kunst?

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Gestern wurde per Hubschrauber eine Großskulptur der thailändischen Künstler Apichatpong Weerasethakul und Chai in den Kasseler Auepark geflogen. Foto: Uwe Zucchi

Quelle: Uwe Zucchi

Kassel. Längst nicht jeder kann mit der documenta etwas anfangen. Für viele - vermutlich sogar für die schweigende Mehrheit - ist die Kunstausstellung in Kassel ein einziger Bluff. Haben sie recht? Ein Faktencheck.

Das hätte ich auch machen können: „Stimmt“, entgegnete darauf einmal Damien Hirst, der kommerziell erfolgreichste Künstler der Welt. „Aber Sie haben’s nicht gemacht, oder?“ Das Wichtigste bei einem Kunstwerk ist heute meist die Idee. Der Trick besteht darin, andere davon zu überzeugen, dass eine bestimmte Sache wirklich Kunst ist. Dabei testet der Kunstmarkt ständig die Wertbeständigkeit des künstlerischen Angebots und sortiert gnadenlos alles aus, was nicht nachgefragt wird.

Ist das Kunst oder kann das weg?: In einem Museum in Dortmund schrubbte eine Putzfrau letztes Jahr einen Kalkflecken weg, der zu einem Kunstwerk von Martin Kippenberger (1953-1997) gehörte. 1986 wurde eine Fettecke von Joseph Beuys ebenfalls von einer beflissenen Reinigungskraft entsorgt. Manchmal ist es schwierig, Kunst und Dreck auseinanderzuhalten. Grundsätzlich gilt: Kalk- und Fettflecken können Kunst sein, wenn damit eine Aussage verbunden ist. Mit dem Fett wollte Beuys zum Beispiel ein Werk schaffen, das seine Farbe und Konsistenz verändert, das „lebt“ und - genauso wie ein Mensch - irgendwann nicht mehr da ist.

Das ist doch nichts als Schmiererei: Dieser Vorwurf wurde auch schon den Impressionisten gemacht, und heute ist kaum eine Kunstrichtung beliebter als die Werke von Monet und Manet. Was Schmiererei ist und was Kunst, kann man mit letzter Sicherheit erst im Abstand von mehreren Jahrzehnten sagen.

Künstler sind doch alle Spinner: Da ist was Wahres dran. Als Künstler muss man um jeden Preis auffallen, sonst kann man gleich Hartz IV beantragen. Außerdem ist es die ureigene Aufgabe der Künstler, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Der Normalo-Blick taugt dafür nicht.

Darauf kann man doch überhaupt nichts erkennen: Soll man unter Umständen auch nicht. Moderne Kunst will meist nichts abbilden, sondern selbst etwas sein. Zum Beispiel einfach ein beruhigendes Blau. Vor dem man so richtig entspannen kann.

Kunst kommt von Können: Ist gar nicht so falsch. Schon auf der Kunstakademie lernt man: Die beste Idee ist nichts wert, wenn das Werk schlecht gemacht ist. Man darf schon erwarten, dass das Ganze zumindest nicht auseinanderfällt. Legendäres Beispiel: Als sich ein in Formaldehyd eingelegter Haifisch von Damien Hirst aufzulösen begann, schuf der Künstler das Werk mit einem zweiten Hai und einem besseren Konservierungsverfahren noch einmal neu.

So malt mein Jüngster auch:. Kann ein Kompliment sein. Picasso versuchte sich sein ganzes Leben die Fähigkeit anzueignen, wie ein kleines Kind zu malen: unbefangen und ohne Schablonen. Dieses freie Denken geht für gewöhnlich schon nach wenigen Jahren verloren. Zeichnungen von Kindergartenkindern sind deshalb meist viel origineller als solche von Schulkindern.

Moderne Kunst sagt mir überhaupt nichts: Der Einfluss der zeitgenössischen Kunst ist viel größer, als man denkt. Der Beweis: Einfach mal ein paar Fotos von Wohnzimmer-Einrichtungen vor 100 Jahren anschauen. Da ist alles vollgestopft und zugehangen bis ins letzte Eckchen.

Im Vergleich dazu sind heutige Wohnungen geradezu kahl. Und das geht nicht zuletzt auf die minimalistische Kunst des 20. Jahrhunderts zurück.

Die documenta (13) wird am Samstag in Kassel eröffnet. Die Weltkunstschau endet am 16. September.

von Christoph Driessen

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