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Marburg Intimer Dialog mit dem Gekreuzigten
Marburg Intimer Dialog mit dem Gekreuzigten
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23:19 06.03.2012
Der Marburger Bachchor zeigte eine dramatische Ausdruckskraft. Quelle: Jan Bosch

Marburg. Wer den siebenteiligen Kantatenzyklus „Membra Jesu nostri“ (Die Gliedmaßen unseres Herrn Jesus Christus) zum ersten Mal hört, mag kaum glauben, dass ihn ein norddeutscher Meister komponiert hat: Dietrich Buxtehude, der bedeutendste der Lübecker Marienorganisten, zu dem Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach pilgerten.

Denn diese 1680, also fünf Jahre vor Bachs und Händels Geburt, komponierte einzigartige Passionsmusik ist über weite Strecken ins Licht des Südens getaucht, leitet sich von der mehrstimmigen Musik Italiens her.

Der Marburger Bachchor widmete sich unter Nicolo Sokolis eindringlich formenden Händen mit freudiger Hingabe dieser südländischen Sinnlichkeit, die vor allem die jeweils drei Arien der sieben Kantaten prägt. Dort tritt die betrachtende Seele in einen intimen, manchmal fast erotischen Dialog mit den am Kreuz gemarterten sieben Gliedmaßen Jesu Christi, nähert sich ihnen aufblickend von den Füßen über Knie, Hände, Seite, Brust, Herz bis zum Angesicht.

Andere Chöre engagieren für die Arien eigens Gesangssolisten. Der immer schlank und transparent intonierende, ausgewogen besetzte Bachchor kann die verzierungsreichen Solopartien mühelos aus den eigenen Reihen besetzen  – mit Eva Zwissler, Uta Preck, Kristina Fries, Theresia Valenca, Katharina Scholl, Anna Widmer, Christiane Stöhr, Marc Müllenhoff und Sebastian Weigert.

So gefühlsbetont die auf einem mittelalterlichen Hymnus fußenden Arien vertont sind, die bei weitem stärksten Affekte und Kontraste erklingen in den vom gesamten Chor, allerdings in unterschiedlicher Besetzungsstärke gesungenen Concerti, welche die Arien umgeben. Ihnen liegen Bibeltexte zugrunde, die mit einer Ausnahme alle aus dem Alten Testament stammen. Dort zeigte der Marburger Bachchor eine dramatische Ausdruckskraft, die unter die Haut ging – etwa in den schneidenden Dissonanzen auf das Wort „plagae“ (Wunden) der dritten Kantate oder in dem behutsam gesteigerten ergreifenden Klagegesang „Vulnerasti cor meum“ (Du hast mein Herz verwundet) der sechsten Kantate.

Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes das „Herz“ des gesamten Werkes – ganz nach innen gerichtet, wozu auch die von Buxtehude nur dort eingesetzte gedämpfte Instrumentalgrundierung durch ein fünfstimmiges Gamben-Ensemble beiträgt. In den anderen sechs Kantaten musizieren zwei Violinen zusammen mit den tiefen Streichinstrumenten und der Basso-Continuo-Gruppe. Als Glücksfall erwies sich die Verpflichtung von acht Musikern des Münchener Barockensembles „L‘arpa festante“.

Gesang und Musik spiegelten sich wider in Matthias Grünewalds Kreuzigungsgemälde aus dem Isenheimer Altar, das zunächst als Ganzes, dann die einzelnen Gliedmaßen herausschälend in den Altarraum projiziert wurde. Weiterführende, zum Nachdenken anregende Gedanken zu den Texten und Bildern gab in einer Predigt zwischen den Kantaten Universitätskirchen-Pfarrer Dietrich Hannes Eibach, der Mitglied im Marburger Bachchor ist.

von Michael Arndt