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Marburg Intensive Aufführung berührt Publikum
Marburg Intensive Aufführung berührt Publikum
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00:15 06.11.2013
Bezirkskantor Nils Kuppe hat mit der Kantorei der Elisabethkirche mittlerweile einen großen Chor geschaffen, der die bedeutenden Oratorien der Musikgeschichte meistern kann. Am Wochenende sang die Kantorei Bachs berühmte h-Moll-Messe. Quelle: Helumut Rottmann
Marburg

Bereits der Auftakt mit dem dreiteiligen Kyrie war faszinierend: Mit innerer Ruhe und schlankem Ton sowie exakten Einsätzen nahmen die Kantorei der Elisabethkirche und das Barockensemble Solamente Naturali mit dem Barocktrompeten-Ensemble um Ute Hartwich die Zuhörer gefangen.

Der Sopran, meist zweigeteilt, sang bezaubernd klar in lichtem Klang, wobei leichte Ungenauigkeiten in Ton und Einsatz auffielen. Der Alt überzeugte mit weichem und geschmeidigem Gesang. Der Tenor sang meist schlank; der Bass stets rund und klar.

Alle Stimmen fühlten sich hörbar wohl bei Halbtonschritten und Intervallsprüngen, um zusammen mit intensiver Textausdeutung in ausgewogenem Chorklang zu faszinieren. Einziges Manko: Gegen Ende des zweiten Teils bis Mitte des dritten Teils verlor der Chor ein wenig an Präzision und Wirksamkeit, was nicht an der Kondition und Konzentration gelegen haben dürfte.

Nils Kuppe hatte vier gute Vokalsolisten verpflichtet. Die Sopranistin Heike Heilmann sang mit jugendlichem Glanz und Charme in der Stimme sowie interpretatorischem Feingefühl. Altus Meinderd Zwart sang mit Herzenswärme, wobei kleinere Unstimmigkeiten nicht nachhaltig störten. Andreas Posts Tenor hatte Kraft und Glanz. Der Bass Jens Hamann gefiel mit geschmeidigem Gesang in sonorem Ton. Bezaubernd waren immer die Duette in unterschiedlicher Kombination.

Das Barockensemble Solamente Naturali musizierte wieder auf hohem Niveau. Es zeichnete sich durch warmen und klaren Ton in Barockstimmung aus „ohne das unsägliche Vibrato“, so ein Besucher. Es war immer auf Höhe des Geschehens, spielte einerseits empfindsam, andererseits impulsiv. Es hat exzellente Holzbläser-Solisten in seinen Reihen, während Milos Valent als Leiter des Ensembles die Solovioline zwar mit Herz, aber auch mit rhythmischen Unebenheiten spielte.

Die Besonderheit dieser Aufführung unter Nils Kuppes Dirigat war ein mitreißend-weiches Fließen der Stimmen, ein ­sorgfältig austarierter Chorklang aus jungen und frischen sowie reifen und weichen Stimmen sowie die Intensität von Wort, Ton und Klang. Kuppe gelang eine Interpretation der inneren Ruhe und Glaubwürdigkeit, mit langem Atem, stets spannend und immer wieder Gänsehaut-Gefühl erzeugend. Nils Kuppe schaffte es mit seinem unaufdringlichen Dirigieren, atmosphärisch dichte Momente wie im „Kyrie“ oder „Cruzifixus“ gleichwertig neben befreiende bis jubilierende Passagen der Auferstehung oder des „Osanna“ zu stellen, um im abschließenden „Dona nobis pacem“ bewegend den Frieden zu erbitten.

Kaum war nach zwei Stunden der letzte Ton verklungen, setzte zarter, aber herzlicher Applaus ein, der sich über sechs Minuten zu tosendem Beifall mit einzelnen Bravos steigerte.

von Helmut Rottmann