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Marburg „Schloss Hogwarts“ ist der Höhepunkt
Marburg „Schloss Hogwarts“ ist der Höhepunkt
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11:35 27.04.2018
Auf ihrem sechsstündigen Fotospaziergang durch Marburg haben die Teilnehmer keine Mühen für ein gutes Bild gescheut – wie dieser Instagram-Nutzer, der zum Fotografieren auf ein Treppengeländer geklettert ist. Quelle: Freya Altmüller
Marburg

„Ich glaub, ich bin die Älteste hier“, sagt Diana Oft. Die 47-Jährige wurde von den Organisatoren persönlich zu dem Fotospaziergang eingeladen. Oft kommt aus Idstein. Dort führt die Stadtführerin ­einen Account, in dem sie nur Fotos von ihrer Heimatstadt postet, unter dem Namen „Diana bummelt durch Idstein“.

Rund 20 Menschen mit einem Account bei der Foto-Plattform Instagram haben am Samstag an einem Fotospaziergang durch Marburg teilgenommen. Der sogenannte "Instawalk" wurde von drei Hobby-Fotografen aus Marburg organisiert.

Aber auch beim Reisen hat sie die Lust zum Fotografieren gepackt. Deshalb hat die 47-Jährige seit Januar noch einen weiteren Account („Diana bummelt anderswo“). Grund dafür war die Stadt Marburg, erklärt sie. Zwölf Bilder hat sie von der Universitätsstadt gemacht, die sie unbedingt online teilen wollte. Von den Häusern am Grüner Wehr, von der Schuh-Statue am Schloss und dem Sonnenuntergang an der Lahn. Deshalb ist Oft bei dem Fotospaziergang auch nicht dabei, um möglichst viele Bilder zum Posten zu machen. Sie möchte sich nicht wiederholen. Stattdessen will sie sich mit Gleichgesinnten austauschen und Tipps holen.

Alle Teilnehmer begeistern sich für Stadt-, Landschafts- oder Porträtfotografie und haben Freude daran, ihre Bilder online zu stellen. Die Gesichter hinter den Online-Accounts der anderen kannten sie bisher nicht. Um persönlich in Kontakt zu kommen, sind auch die beiden Marburger Studentinnen Sophia Scheffen und Lydia Huth dabei.

Auch Drohnen waren im Einsatz

„Ich habe zum ersten Mal eine Drohne fliegen sehen“, erzählt Huth begeistert. „Sie klingt wie ein Schwarm Hummeln.“ Gemeinsam mit ein paar anderen Teilnehmern sitzt sie auf einem Bordstein vor dem Brunnen am Marktplatz. Vier Stunden waren sie schon zu Fuß durch Marburg unterwegs, nun machen sie eine Pause.

Eine Handvoll anderer Teilnehmer nutzt die Zeit für einen Abstecher zur Universitätskirche. Dort wollen zwei von ihnen ihre Drohnen starten lassen. Ein 26-Jähriger schaut auf dem Weg dorthin auf sein Smartphone. Eine App zeigt ihm eine Karte an, auf der ein blauer Kreis ein Gebiet eingrenzt. Wenn er das verlassen hat, darf er seine Drohne fliegen lassen, erklärt er. Die neue Drohnen-Verordnung sei streng, weil es unter den Nutzern einige schwarze Schafe gegeben habe, die sich nicht an Regeln hielten.

Henrik Isenberg ist Location-Scout

Der 26-Jährige sagt, er fliege nur auf Sicht. Bis zu 100 Metern dürfe die schwebende Kamera, die von vier Propellern angetrieben wird, in die Höhe steigen. Auf seinem Smartphone­ tippt der junge Mann auf den Auslöser. Die Bilder zeigen eine ­Perspektive, die sonst aus der Höhe nur ein Vogel zu sehen ­bekommt.

„Jeder hat einen anderen Stil, eine Handschrift“, sagt Henrik Isenberg. Der Marburger ist ­einer der Teilnehmer, die nicht nur in ihrer Freizeit, sondern beruflich fotografieren. „Bei dem selben Licht werden wir so zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen“, sagt Isenberg. Er trägt einen Rucksack mit mehreren Objektiven. Die meisten der Teilnehmer haben Spiegelreflexkameras im Einsatz, manche fotografieren nur mit dem Handy.

Isenberg ist bei dem Spaziergang Location-Scout, der Marburgs schönste Ecken kennt. Aber auch die besten Perspektiven. In einer Gasse mit Blick auf die Kugelkirche sagt er: „Von hier ist es cool, dann hast du die Häuser noch mit drauf und die Laterne rahmt die Kirche ein.“ Zwischen den Häusern ist ein Kabel gespannt. „Das könnt ihr später wegretuschieren“, sagt der gelernte Fotograf.

"thisismarburg" hat Instawalk organisiert

Knapp 3.000 Abonnenten hat Isenberg auf Instagram. Aber darauf komme es nicht an. „Es geht ja um den Spaß.“ Jan-Martin Schneider hat den „Instawalk“ gemeinsam mit seinen beiden Kollegen von dem Instagram-Account „thisismarburg“ (wörtlich: „Das ist Marburg“) organisiert. Inspiriert zu dem Account habe sie ein Fotograf aus Homberg/Ohm: Hannes Becker, der 1,2 Millionen Abonnenten auf Instagram hat, sagt Schneider. Becker habe ein außergewöhnliches Bild vom Marburger Schloss gepostet. Das habe „thisismarburg“ dann auch geteilt. Die meisten Teilnehmer aus der Universitätsstadt hätten schon Bilder zu dem Account beigesteuert. „Unser Ziel mit dem Instawalk war, ein Gemeinschaftsgefühl zu haben“, erklärt der Student.

Christina Simon ist Illustratorin aus Wetzlar. Erst vor Kurzem ist sie in eine kleinere Stadt gezogen, erzählt sie. Sie sieht für Orte wie Marburg bisher ungenutztes Potenzial: „Man könnte digitale Kanäle viel mehr nutzen“, sagt Simon. In Frankfurt beispielsweise hätten Restaurants häufig ein Markenkonzept und teilten Bilder auf Instagram. „Weg von Werbefotografie, hin zum Künstlerischen“ sei dabei das Motto. Für ihre Bilder verwende sie beispielsweise gerne Pastellfarben.

Auch Philipps-Universität postet Bilder

Seit Anfang April hat auch die Philipps-Universität einen Instagram-Account. Susanne Saker, die in der neuen Marburger Unibibliothek arbeitet, hat auch schon ein Bild beigesteuert. Es zeigt ihren Arbeitsplatz zur „Blauen Stunde“ kurz nach Sonnenuntergang.

Tipps für schöne Ecken in Marburg haben sich die Organisatoren vorab auch von Doris Autzen von Marburg Stadt und Land Tourismus geholt. „Die Verbreitung von Bildern über Instagram ist die modernste Form der Werbung für Marburg“, sagt sie. So würden sich beispielsweise Abiturienten ein Bild von Marburg als Studienort machen können.

"Hogwarts"-Charme des Marburger Schlosses

Reichweite war ihnen wichtig, sagt Organisator Jan-Martin Schneider. Deshalb habe sein Team auch Instagram-Nutzer persönlich eingeladen. Zum Beispiel die Frankfurterin Kathi Schenk mit knapp 60 000 Abonnenten oder den Bamberger­ ­Tomy Heyduck mit 26 000 Abonnenten.

„Marburg ist einen Ausflug wert“, schreibt die Wetzlarerin Christina Simon unter einem Bild, das sie geteilt hat. „Ist direkt auf meine In-Deutschland-gesehen-haben-Liste gewandert“ kommentiert eine Nutzerin.

Sein Ende findet der Fotospaziergang am Schloss, wo die Teilnehmer zuerst die Aussicht auf die Oberstadt fotografieren, zur „goldenen Stunde“ kurz vor Sonnenuntergang. Dann führt Jan-Martin Schneider die Gruppe weiter, um das Schloss ­herum. „Wir wollen noch den Hogwarts-Charme erkunden“, sagt der Student grinsend.

Hintergrund

Instagram ist eine Foto-Plattform, auf der jeder kostenlos über einen eigenen Account Bilder online stellen kann. „Instawalks“ werden seit einiger Zeit in Städten organisiert, damit sich Gleichgesinnte persönlich kennenlernen und austauschen können. Menschen, die sich für Städte-, Landschafts- oder Porträtfotografie begeistern, treffen sich in einer Stadt, um sie auf einem Fotospaziergang gemeinsam zu erkunden. Dabei wollen sie nicht nur neue Ecken entdecken, sondern auch kulturell etwas über die Stadt erfahren. Das Fotokollektiv hinter dem Account „thisismarburg“ hat den Spaziergang zum ersten Mal organisiert. Der Weg führte vom Bahnhof über die Elisabethkirche und das Michelchen, die neue Unibibliothek, das Südviertel, die Oberstadt bis hoch zum Landgrafenschloss, um dessen „Hogwarts-Charme zu erkunden.

von Freya Altmüller