Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -2 ° wolkig

Navigation:
Ins Groteske überzeichnet

"Der Prozess" am Hessischen Landestheater Ins Groteske überzeichnet

Regiedebüt für Philip ­Lütgenau am Hessischen Landestheater - und das gleich mit „Der Prozess“, einem selbsterarbeiteten Stück nach einem Roman von Franz Kafka. Am Freitagabend war Premiere.

Voriger Artikel
Tosender Applaus für Ballett-Klassiker
Nächster Artikel
Landschaften mit„Tiefenwirkung“

Wer ist wer? Maximilian Heckmann (links) und Lisa-Marie Gerl in einer Szene des Stückes „Der Prozess“.Foto: Andreas Maria Schäfer

Quelle: Andreas Maria Schäfer

Marburg. Langanhaltenden Applaus und vereinzelte Bravo-Rufe gab es am Freitagabend nach der Premiere für den jungen Marburger Regisseur Philip Lütgenau (29). Mit seinem jungen Regieteam mit der 24-jährigen Chinesin Yuqiao Wu (Ausstattung), dem 33-jährigen Dramaturgen Matthias Döpke und dem erfahrenen Theatermusiker Michael Lohmann hat er sich für sein Regiedebüt an einen Klassiker der deutschsprachigen Literatur gewagt: „Der Prozess“ ist ein unvollendeter Roman von Franz Kafka (1883 - 1924), der ein Jahr nach dessen Tod veröffentlich wurde.

Jeder Regisseur steht bei einer belletristischen Vorlage vor einem Dilemma: Wie bringt man einen Roman auf die Bühne, der mit dem Attribut „kafkaesk“ umschrieben wird: Der Protagonist Josef K. wird eines Tages verhaftet und vor einem diffusen, unerklärlichen Gericht angeklagt. Er weiß nicht warum und er wird es nie erfahren. Er erfährt nur, dass die Anklage sehr bedrohlich ist.

Philip Lütgenau hat sich für eine ins Groteske übersteigerte Version entschieden. Alles ist schräg, schief und krumm auf der Bühne. Die Spielplattform, die angedeuteten Hausumrisse im Hintergrund und die Kostüme der fünf Darsteller. Mal ist ein Ärmel zu lang, mal der Hintern überdimensional ausgepolstert, mal hat ein Darsteller vier Arme. Sie alle fünf sind bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Die Gesichter weiß, die Lippen rot, Rouge auf den Wangen. Sehr chinesisch sehen sie aus. Und alle tragen die gleichen Perücken.

19 Personen hat Kafka für seinen Roman entworfen, den er unter dem Eindruck seiner Auflösung einer Verlobung - 1914 ein skandalöser Affront gegenüber seiner Verlobten Felice Bauer - geschrieben hat. Die Darsteller sprechen und spielen bunt gemischt viele dieser Figuren - Wächter, Gerichtsdiener, Advokaten, Onkel, den Gerichtsmaler Titorelli, Frauen oder Männer. Ihre Bewegungen sind die austauschbarer Marionetten. Über allem liegt eine bedrohlich wirkende Klangcollage. Nach und nach werden sie entblößt, stehen in gleichförmiger Unterwäsche auf der Bühne, werden alle zu Josef K., der ausweglos in die Mühlen einer dubiosen Bürokratie geraten ist.

Verblüffend ist einmal mehr, wie sich Lisa-Marie Gerl, Maximilian Heckmann, Thomas Huth, Camil Morariu und Victoria Schmidt diese enorme Textmenge merken können, zumal Kafkas Sprache zwar äußerst elegant aber keineswegs leicht ist.

Das Problem der Inszenierung ist ihre gewollte Undurchschaubarkeit. Ohne Kenntnis des Romans verirrt sich der Zuschauer in dem Stück so wie Josef K. im Dschungel des undurchsichtigen Gerichts. „Der Prozess“ ist eine eigenwillige, stilistisch konsequente Inszenierung für Kafka-Fans.

Weitere Vorstellungen sind am Donnerstag (Blauer Tag) mit Einführung um 19 Uhr und am Samstag um 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof.

von Uwe Badouin

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur