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In ehe-ähnlichem Arbeitsverhältnis

Theater In ehe-ähnlichem Arbeitsverhältnis

Geige gegen Posaune, Frau gegen Mann, Komik gegen Tragik: Die Premiere von „Himmel Hölle Valentin“ am Hessischen Landestheater erweckte Karl Valentin und Liesl Karlstadt zu neuem Leben.

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Rainer Kühn spielte Karl Valentin mit neuen Akzenten.

Quelle: Dr. Justus Noll

Marburg. „Liesl Karlstadts gesammelte Szenen mit Karl Valentin“, so lautet der Untertitel der Wiederaufnahme von 2006 in Kooperation mit dem Staatstheater Wiesbaden, die am Samstagabend als Marburger Premiere im gutbesuchten Theater am Schwanhof begeisterte.

Eine Hauswirtin schenkt ihren Untermietern zwei Theaterkarten (alt-bayerisch „Theaterbilletten“) „für’n Faust“. „Warum geht’s denn net selber nei, des alte Luada“, fragt der Mann. „Ja mei, sie wird halt koa Zeit ham“, antwortet seine Frau. Er (beleidigt): „So so, sie hat keine Zeit, aber wir müssen schon Zeit haben.“

Unverkennbar Valentin: Allerweltsfloskeln führen in das skurrile Panoptikum der schummrigen Münchner Kleinbürgerwelt im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Man weiß dabei nicht sofort, ob sie in Richtung Himmel oder Hölle gehen, jedenfalls aber gelangt man in die „Gruselkeller“ der „allgemein zugänglichen Gehirnkästen“ von Karl Valentin und Liesl Karlstadt.

Sie führten aber auch den Zuschauer geradewegs in die ersten Szenen des höchst amüsant-brillanten Höllenspektakels Valentinscher Seelen-Logik. Die gewinnt ihre Tiefe und Dramatik dadurch, dass der süddeutsch-bayerische Bühnen-Hoch-Dialekt für die zwei Stunden einer prallen Theateraufführung zur gesamt-deutsch verständlichen Seelensprache mutiert. Auch die Deutschen haben ihren Nestroy.

Nun ist es aber durchaus nicht so, dass Rainer Kühn (Karl Valentin) und Monika Kroll (Liesl Karlstadt) in der zünftigen Kostümierung durch Regina Rösing auf’s Haar den Vorbildern glichen. Zwar ist er großgewachsen und gekonnt schlaksig wie der echte Karl. Aber sie ist ausgeprägt weiblicher und ein süßeres „Mädel“ als die echte Liesl. Und er ist mehr Karloff als Karl, ein elegant-seelenvoller Frankenstein. Rainer Kühn spielt höllischer als Karl, Monika Kroll irgendwie himmlischer als Liesl. Die Mischung rechtfertigt vollkommen das Motto des Abends „Himmel Hölle Valentin“ – ein Spiel ohne Punkt und Komma, aber mit den notwendigen Abständen.

„Himmel Hölle Valentin“ ist noch einmal am Freitag, 1. Oktober, um 19.30 Uhr zu sehen.

von Dr. Justus Noll

Mehr lesen Sie am Montag in der gedruckten OP.

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