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In den Schluchten der Seele

Ausstellung Schwarze Romantik im Städel In den Schluchten der Seele

„Schwarze Romantik“ zeigt Schlüsselwerkei von Francisco de Goya über Caspar David Friedrich bis Max Ernst. Die Ausstellung steht im Kontext der Etablierung Frankfurts als Romantikzentrum.

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Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr“ ist eines der Hauptwerke der Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Frankfurter Städel-Museum.Foto: Städel

Frankfurt. Die Schlaflage ist denkbar ungünstig. Kopf und Arme hängen schlaff über den Bettrand. Ein Alb sitzt auf der Brust der Träumerin und drückt. Angeritten kam der haarige Dämon mit der Nachtmahr: einer lüstern schnaubenden Mähre mit weiß leuchtenden Augen und wirrer Mähne. Den tierischen Kopf reckt das geile Geisterross durch einen negligézarten Vorhang wie durch eine vaginale Öffnung.

Das Skandalbild der Londoner Kunstsaison von 1782, Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr“, gilt als Sinnbild der wollüstig-schaurigen Romantik. In seiner Fassung von 1791 bildet das Bild den Auftakt der großartigen romantischen Tiefenbohrung, mit der das Städel Museum unter dem Direktor Max Hollein in den Herbst startet.

Der einst in London gefeierte „wilde Schweizer“ Füssli lieferte das Vorspiel der schwarzen Romantik. Der Maler äße vor dem Schlafengehen blutiges Fleisch und konsumiere Drogen, wurde in London gemunkelt. Personen mit labiler Konstitution wurde vom Anblick von Füsslis Albtraum-Bildern abgeraten.

Die „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“ betitelte Ausstellung ist mit mehr als 200 Werken die erste umfassende Ausstellung zur dunklen Romantik in einem deutschen Museum. Zum ersten Mal auch werden in einer Schau Symbolisten wie Odilon Redon oder James Ensor und Surrealisten wie Salvador Dalí oder Max Ernst zu den Romantikern gerechnet.

„Wir haben Bilder des Erhabenen und Schrecklichen, des Fantastischen und Grotesken der schwarzen Romantik versammelt, die keine Kunstrichtung ist, sondern eine die Jahrhunderte durchziehende Gesinnung“, sagt Hollein. Kapitel der Schau sind „Märchen und Mythen“, „Liebe, Tod und Teufel“ und „Seelenmalern“ gewidmet.

Eine eindrucksvolle Zahl von Schlüsselwerken ist in der stellenweise heftig aufs Gemüt drückenden Ausstellung zusammengekommen, darunter Francisco de Goyas „Flug der Hexen“ aus dem Madrider Prado und das länger schon nicht mehr in Europa gezeigte Apokalypsebild „Der große rote Drache“ von William Blake, das vor ein paar Jahren einem Hollywoodfilm („Roter Drache“) als Vorlage diente. Vom Musée d‘Orsay in Paris, wo die Ausstellung im Anschluss hinwandern wird, kommt das Odilon-Redon-Hauptwerk „Geschlossene Augen“.

Schreckstarre evoziert Goya mit seinen Kriegsbildern. 1808, als Napoleons Truppen in Spanien einfielen, wurde der Maler Augenzeuge von Gräueln. „Ich fürchte keine Kreatur außer einer: den Menschen“, hat Goya gesagt. Dem großen Spanier ist ein ganzer Raum gewidmet, danach kommen französische und belgische Romantiker und schließlich die Deutschen.

Das ehrgeizige Ausstellungsprojekt steht im Kontext von Bemühungen, Frankfurt als Romantikzentrum zu etablieren. Seit den 1920er Jahren werden in der Stadt beharrlich Dokumente der romantischen Bewegungen zusammengetragen. Kürzlich wurde der Weg für ein eigenes Romantikmuseum geebnet, das neben dem Goethe-Museum gebaut und 16 Millionen Euro kosten soll.

„Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“, Städel Museum, bis 20. Januar 2013, täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, mittwochs und donnerstags bis 21 Uhr.

von Johanna Di Blasi

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