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Impressionen des deutschen Alltags

Ein Filmer entdeckt Deutschland Impressionen des deutschen Alltags

Vier Jahre ist der Kornacher Jörg Buschka durch Deutschland gereist - immer mit dabei: Kameramann Jan Vogel. Entstanden ist eine abenteuerliche Dokumentation zwischen Reeperbahn und Zugspitze, Küche und Schlafzimmer.

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Ohne Plan und Drehbuch auf Achse quer durch Deutschland: Jörg Buschka und Jan Vogel. Foto: Jana Kay

Marburg. Wenn das „Filmbüro Hessen“ mit Siegel des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst ein Filmwerk durch die Lande schickt, dann muss es einen besonderen Reiz haben. Der gebürtige Arnsberger Buschka lebte von 1981 bis 1990 in Korbach - und war schon damals im liebevollen Sinne durchgeknallt.

Dabei ist seine Idee nicht neu, aber doch irgendwie anders: Ohne Drehbuch läuft der Wiesbadener No-Budget-Filmer durchs Land und quatscht Menschen an. Sein Freund und Kamermann Jan Vogel begleitet ihn. Episoden aus vier Jahren haben Buschka, Vogel, Phil Friedrichs (Turbine Medien Münster) und Sascha Gutzeit (Musik) schließlich in einen 92-minütigen Film geschnitten. Mit zuvor allerlei Enttäuschungen und Geburtswehen.

Buschka hascht bei seiner Tour nicht nach Effekten, weder verbal noch optisch. Er taucht einfach auf, fragt, macht mit, wird spontan von Menschen eingeladen - ob Fußgängerzone, Gartenlaube oder coole Party. Auf einer Burg überm Rhein begegnet der 41-Jährige einer Truppe aus dem Sauerland und lässt sie munter trällern: „Am Brunnen vor dem Tore“. In Berlin begegnete er Deutschlands ältestem Showgirl Marga. Und in Dresden erforscht er, wie es zu DDR-Zeiten war „im Tal der Ahnungslosen“ ohne Westfernsehen.

Da blitzt also auch eine gute Portion journalistische Neugier immer wieder auf, die Buschka so scheinbar nebenbei ins Bild rückt: mit rechtsradikalisierten Jugendlichen vorm Plattenbau, am Türken-Imbiss oder einer spontan arrangierten Begegnung zwischen einem deutschen Pärchen und Spätaussiedlern aus Kasachstan: „Hallo, kommt doch mal her.“ Warum klappt das eigentlich nicht besser zwischen eingeborenen Deutschen und Migranten?

„Ich liebe Deutschland - in einem Europa ohne Krieg“, bekennt Buschka im Erzählstrang und fügt an: „Oder ist das bekloppt?“

Am Ende, in Hamburg-Finkenwerder, entdeckt er schließlich „mein persönliches Europa“: Bei Weißwein, Essen und Musik im Wohnzimmer einer französischen WG werden Verdun, Hitler-Überfall und alliierte Besatzung ein für allemal begraben.

Trotz Low-Budget-Produktion, mitunter wackelnder Bilder und gewöhnungsbedürftiger Kameraführung ist Buschka und Vogel ein beeindruckendes Kinodebüt gelungen. „Sehr mutig. Der ungeschminkte Alltag voller Peinlichkeit und Wahnsinn“, urteilte Franz Gernstl, dessen Dokumentationen Kultstatus genießen. Und persönlich an Buschka fügte er an: „Ich hatte vor, den Film nicht zu mögen. Es ist mir aber nicht gelungen.“

Der Film läuft am Sonntag und Mittwoch jeweils um 18 Uhr in der Palette. Jörg Buschka ist am Sonntag anwesend.

von Jörg Kleine

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