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Marburg Ja-Signale für Stadtwald-Wohngebiet
Marburg Ja-Signale für Stadtwald-Wohngebiet
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00:19 11.11.2018
Der Stadtwald soll künftig von 1300 auf mehr als 2000 Bewohner wachsen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Linke will eine Bebauung sowohl des Hasenkopfs als auch des Oberen Rotenbergs – jeweils mit 30-prozentiger Sozialwohnungsquote. „Für beide Gebiete ergeben sich gleichgelagerte Problemstellungen in Bezug auf Verkehrsentwicklung, Landschafts- und Umweltschutz sowie Infrastruktur“, sagt Renate Bastian, Fraktionschefin. Doch im Stadtwald gebe es bereits „einen Fundus an Sozialwohnungen“, daher solle nicht der Fehler aus vergangenen Jahrzehnten wiederholt und öffentlich geförderter Wohnraum erneut in einem relativ kleinen Bereich konzentriert werden.

Bessere Infrastruktur könnte für Bewohner erreicht werden

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) spricht angesichts der dort vorhandenen Sozialwohnungen hingegen von „guten Anknüpfungspunkten“ für das geplante, 350 Wohneinheiten umfassende Vorhaben. Angesichts von bis zu 900 Neu-Bewohnern – ein Drittel der 350 Apartments sollen Sozialwohnungen sein – werde eine „maximale, das ganze Gebiet ­belebende Bewohnermischung entstehen“, sagt er. Das Ziel der Planungen sei ein Mix von Wohnformen und Klientel, keine Fokussierung auf Studenten-Apartments oder Sozialwohnungen, Ein- oder Mehrfamilienhäuser. Für alles und jeden werde es Angebote geben, ergänzt Reinhold Kulle, Stadtplaner.

Obwohl sie weiterhin die ­Fläche zwischen Ortseingang ­Gisselberg und Südspange als ­innenstadtnähere Alternative­ ­sehen, werden die Grünen der jüngsten Magistrats-Empfehlung, wonach am Hasenkopf das Neu-Wohngebiet und am Rotenberg ein Tegut-Markt plus Mini-Wohngebiet kommen soll, weitgehend folgen. „Für die Stadtwald-Bewohner hat die ­Erweiterung ein erhebliches Potenzial, da die Schaffung weiterer Infrastruktur nur durch eine Vergrößerung des Stadtteils erreicht werden kann“, sagt Dietmar Göttling, Grünen-Fraktionschef mit Verweis etwa auf Busanbindung und Kinderbetreuung.

Grüne: Kein Ausbau von Mini-Wohngebiet Rotenberg

Der Fokus der Verkehrsanbindung müsse jedenfalls auf der ­Optimierung des Nahverkehrs liegen, es brauche aber auch den Bau von Radwegen – dessen konkreter Verlauf durch den „Heiligen Grund“ wird aber von Naturschutzverbänden massiv kritisiert. Ein Lebensmittelmarkt in der Marbach befürworten die Grünen seit langem. Die perspektivische Ausdehnung der vom Magistrat nun für den Rotenberg vorgeschlagenen 40 statt 200 Wohneinheiten lehnt Göttling indes ab. „Aus Gründen des Natur- und Klimaschutzes sowie aufgrund der zu erwartenden, enormen Verkehrsbelastung.“

„Jeder Natur-Eingriff ist ärgerlich, aber die Verdichtung in der Innenstadt hat ihre Grenze erreicht. Und weil die Stadt attraktiv ist, sie wachsen kann und wir das zulassen wollen, braucht es den Platz“, sagt Matthias Simon, SPD-Fraktionschef. In Richtung der Naturschutzverbände, die Gefahren für die Tier- und Pflanzenwelt am Hasenkopf anmahnen, sagt er: „Der wahre ökologische Blödsinn ist es, ­eine ständig wachsende Zahl ­Berufspendler, die mangels Wohnraum außerhalb Marburgs ­leben, zu erschaffen.“

Die CDU verweist darauf, dass am Stadtwald-Standort die „infrastrukturellen Probleme wie Verkehr und Abwasser leichter zu lösen“ sind als in der Marbach, wie Roger Pfalz, CDU-Fraktionschef sagt. Eine Bebauung des Hasenkopfs bedeute aber nicht, dass weiterer Wohnungsbau am Rotenberg grundsätzlich ausgeschlossen werde. „Beide Gebiete werden für den künftigen Bedarf nicht reichen“, sagt Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) mit Verweis auf die von Landesbehörden kalkulierten 3000 Mehr-Bewohner Marburgs bis zum Jahr 2030.

Gutachten sollen ab 2019 in Auftrag gegeben werden

Wegen des laut Andrea Suntheim-Pichler, Stadtverordnete, „sehr hohen Widerstands in der Nachbarschaft“ und der Verkehrssituation stehen auch die BfM als Teil der ZIMT-Regierung hinter dem aktuellen Verwaltungsvorschlag. Der Tegut am Rotenberg könne verkehrlich ­eine „Entlastung bringen“.

Während auch die drei FDP-Stadtverordneten den Hasenkopf favorisieren – „das Gebiet ist mit deutlich weniger Fragezeichen versehen, dort überwiegen die Vorteile“ – lehnt Hermann Uchtmann (MBL) jedoch beide Standorte ab, will eine Wohnbebauung auf den Lahnbergen. „Gerade die Verkehrsproblematik stellt sich da nicht in dem Maße, wie an den anderen Standorten“, sagt er. Laut des FDP-Vorsitzenden Christoph Ditschler müsse für den in Ockershausen steigenden Verkehr speziell das Nadelöhr Graf-von-Stauffenberg-Straße / Südspange verändert werden.

Widerstand in Ockershausen wird geringer eingeschätzt

Er schlägt einen Ausbau des Bereichs vor, auch sei eine bessere Busanbindung nötig. Grundsätzlich sollte am Hasenkopf trotz aller Wachstumsprognosen der tatsächliche Umfang des Wohngebiets nochmal geprüft werden. Jedoch: „Nur mit mehr Wohnungsbau kann es auch weniger Mietsteigerungen geben“, sagt er. Die Piratenpartei fällt ihre Entscheidung auf ähnlicher Grundlage wie die Liberalen: Favorisiert wäre für Dr. Michael Weber eine Lahnberge-Bebauung, aber speziell wegen der drohenden „größeren Verkehrs-Schwierigkeiten“ in der Marbach und der positiveren Neubaugebiets-Haltung in Ockershausen solle dem Hasenkopf das Hauptaugenmerk gelten. Der Bau eines Tegut-Markts auf dem Gelände der ehemaligen Philipps-Gärtnerei könne indes ein „Kristallisationspunkt“ sein, um auch für die akuten Verkehrsprobleme rund um den Rotenberg Lösungen zu finden.

Damit hat sich die seit Monaten bestehende Tendenz verfestigt, wonach der politische wie planerische Widerstand im oberen Ockershausen sowohl von Stadtverwaltung als auch Stadtverordneten als geringer eingeschätzt wird. Die Stadtverordnetenversammlung wird Ende November über die Wohngebeitsfrage entscheiden. Die für eine tatsächliche Bebauung nötigen Gutachten zu Verkehr, Natur- und Klimaschutz werden laut Stadtplaner Kulle ab dem Jahr 2019 in Auftrag gegeben.

von Björn Wisker