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Marburg Gesundheitszentrum in der Warteschleife
Marburg Gesundheitszentrum in der Warteschleife
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00:20 29.11.2018
Eine Medizinerin hört einen Patienten ab. Zur Lösung des Ärztemangels auf dem Land gab es im Landkreis bisher ein „Hearing“. Mithilfe eines Modellprojekts wird nun untersucht, wie das Problem gelöst werden kann. Quelle: Maurizio Gambarini
Marburg

Im November 2015 stellten die Linken Grundzüge ihres Programmes für die Kommunalwahl vor, darin enthalten: die Forderung nach kommunalen Gesundheitszentren im ländlichen Raum. Hausärzte würden immer weniger, gleichzeitig betrachte das Rhönklinikum die zugesagte Versorgung nur unter finanziellen Gesichtspunkten und beute die Ärzte aus, sagte damals die Fraktionsvorsitzende Anna Hofmann aus Wetter.

Am 24. Oktober ging ein Antrag der Linken zur jüngsten Kreistagssitzung ein. Der Kreisausschuss solle unverzüglich mit der Planung eines Medizinischen Versorgungszentrums im Hinterland beginnen, heißt es im Kern des Beschlussvorschlages.

In der mündlichen Begründung erinnerte Dr. Ingeborg Cernaj vor dem Plenum daran, dass sich der Kreisausschuss im Mai vergangenes Jahres mit der möglichen Errichtung eines kommunalen Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) im ländlichen Raum befasst habe. Ziel sollte es sein, die ärztliche Versorgung im Hinterland auch künftig flächendeckend zu gewährleisten. In einer Anhörung hatten Akteure eines MVZ, das in Husum mit kommunaler Unterstützung gegründet wurde, über ihre Erfahrungen mit der Organisationsform berichtet.

"Dringender Handlungsbedarf"

Cernaj berichtete über Aussagen des Ersten Beigeordneten Marian Zachow und des CDU-Fraktionsvorsitzenden Werner Waßmuth von Februar 2016. Sie hätten damals zu dem Thema bekräftigt, man wolle nicht warten, bis der Karren an die Wand gefahren sei. „Er ist schon an die Wand gefahren und wir warten auf weitere Hearings“, sagte sie. Jeder, der außerhalb der Zentren wohne, könne bestätigen, dass die Situation jetzt schon katastrophal sei. Jetzt im Winter bei zum Teil widrigen Straßenverhältnissen müssten beispielsweise die Menschen aus dem Hinterland große Strecken zurücklegen. „Es besteht dringender Handlungsbedarf“, betonte sie.

Angesichts der Tatsache, dass sich keine Ärzte fürs Land bewerben würden, seien solche Zentren eine Lösung des Problems. Selbstverständlich müsse man solche Planungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) abstimmen, betonte Cernaj. Genau das habe man vor und darauf ziele der Änderungsantrag von CDU und SPD, sagte Landrätin Kirsten Fründt. Am 7. November ging dieser Änderungsantrag ein. Das Ziel: Im Juni 2019 soll eine weitere Anhörung in der Sache stattfinden. Dann will man sich zunächst die Ergebnisse eines Modellprojekts anhören. Es trägt den Namen „Versorgungskoordinator – Fachkräftesicherung in der medizinisch-pflegerischen Versorgung im ländlichen Raum“.

Land fördert Projekt mit 149.000 Euro

Das hessische Ministerium für Soziales und Integration fördert das vom Landkreis initiierte Handlungskonzept zur Fachkräftesicherung in der medizinisch-pflegerischen Versorgung im ländlichen Raum mit insgesamt 149 000 Euro. Koordinationspartner ist die KV.

„Darüber hinaus sollen anhand realistischer Beispiele Modelle zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung vorgestellt und diskutiert werden, unter anderem kommunale und genossenschaftliche Versorgungszentren oder Verbundpraxen, heißt es in der Beschlussvorlage der Koalitionspartner weiter. Das „hessenweit einmalige Projekt“ soll sich im Schwerpunkt mit dem „Mittelbereich Biedenkopf“ beschäftigen. Eine Versorgungskoordinatorin soll am 1. Dezember ihre Arbeit aufnehmen.

Die Landrätin erinnerte daran, dass der Landkreis für die stationäre Versorgung zuständig ist. Für die Versorgung mit Hausärzten und Fachärzten sei die KV verantwortlich. Der Kreis arbeite in der Sache mit der KV, den Ärzten und den Krankenhausbetreibern zusammen und wolle gemeinsam mit allen das Fördermodell umsetzen.

Landärztliche Versorgung sicherstellen

SPD-Fraktionsvorsitzender Werner Hesse ging auf die Ausführungen von Cernaj ein: Die ärztliche Versorgung sei ein großes Problemfeld. Das Ganze sei aber nicht gegen die Wand gefahren. „Wir haben sicherlich  Probleme für die Kranken bezüglich der Erreichbarkeit von manchen Ärzten. Aber wir haben keine Situation für die man sagen kann, man bleibt mit seinen gesundheitlichen Problemen vollständig auf der Strecke“, sagte er. Man warte auch nicht bis zur nächsten Anhörung. „Wir handeln, wir arbeiten bis dahin.“ Hesse zeigte sich davon überzeugt, dass in einem halben Jahr die Grundlage für weitere Beschlüsse geschaffen ist.

Dr. Horst Falk (CDU) betonte in der Debatte: „Es ist unser aller Anliegen, die landärztliche Versorgung sicherzustellen. Wir sind ja Weltmeister bei Zusammenlegungen.“ Falk nannte unter anderem die Feuerwehren als Beispiel. Zusammenlegung sei aber nicht immer angebracht, sagte er im Hinblick auf die ärztliche Versorgung. Der Karren sei noch nicht gegen die Wand gefahren. „Aber wir sehen die Wand schon vor uns“, fuhr er fort.

Modellprojekt ist "richtiger Weg"

Auch AfD-Fraktionsvorsitzender Karl Hermann Bolldorf bezeichnete das Modellprojekt als den „richtigen Weg“. Viele Ärzte seien nicht mehr bereit, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen, aber sie seien interessiert, ihre ärztliche Leistung zu erbringen. FDP-Fraktionsvorsitzender Jörg Behlen wertete, der Änderungsantrag sei zielführender als der Antrag der Linken.    

Aus Sicht von Sandra Laaz von den Grünen war der Antrag der Linken „völlig berechtigt“, denn die KV habe die Probleme bisher nicht lösen können. Ein medizinisches Zentrum im Hinterland, wie es die Linke fordere, möge zwar ein Schnellschuss sein, aber immerhin sei dies eine Idee, das Problem praktisch anzugehen, sagte Frank Lerche (Piraten). Gleichwohl schloss er sich dem Änderungsantrag an. Dafür stimmten auch die Antragsteller SPD und CDU sowie die FDP, die Freien Wähler und die Grünen. Die Linken enthielten sich. Damit war der Ursprungsantrag vom Tisch.     

Die nicht öffentliche Auftaktveranstaltung für das Modellprojekt fand am Mittwoch in Biedenkopf statt. Am Montag, 26. November, um 19 Uhr wird das Projekt im Tagungsgebäude der Kreisverwaltung mehr oder weniger offiziell
vorgestellt.

von Hartmut Berge