Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg YouTube-Experiment läuft schief
Marburg YouTube-Experiment läuft schief
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:21 11.03.2018
Ein Horrorfilm in Zeiten von YouTube: Emilio Sakraya (von links) als Charly, Timmi Trinks als Finn, Lisa-Marie Koroll als Emma und Tim Oliver Schultz als Theo wollen ein Video in den Beelitzer „Heilstätten“ drehen und erleben das Grauen. Quelle: Twentieth Century Fox
Marburg

Wir leben in einem Zeitalter, in dem die größten Helden der heranwachsenden Jugendlichen keine Hollywoodstars oder Bandmitglieder mehr sind, sondern Teenager wie sie selbst. YouTuber und sogenannte Influencer sind ganz normale Menschen, die ihre – mitunter Millionen von – Fans regelmäßig an ihrem Alltag teilhaben lassen. Plattformen wie YouTube, Instagram und Snapchat machen es möglich.

Diesen Trend hat auch Regisseur und Drehbuchautor Michael David Pate für sich entdeckt. Nach seiner Horrorsatire „Gefällt mir“ und dem YouTuber-Fanfilm „Kartoffelsalat“ bleibt er sich und seinem bevorzugten Genre treu und setzt in seinem Schocker „Heilstätten“ eine Handvoll YouTuber in einer ehemaligen, angeblich verfluchten Lungenklinik aus. Zum Ensemble gehören auch echte ­Social-Media-Stars wie Freshtorge, Nilam Farooq und Lisa-Marie Koroll.

Die Protagonisten wollen sich in den Berliner Heilstätten die ultimative Anti-Angst-Challenge liefern: Mithilfe von Theo begeben sich Marnie, Betty, Emma, Charly und Finn in das geschichtsträchtige Gebäude am Rande von Berlin, in dem zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges grauenhafte Menschenversuche durchgeführt wurden.

Älteres Genre funktioniert noch

Zunächst geht alles seinen geplanten Gang. Die Jugendlichen stellen ihre Kameras auf, haben ihren Spaß und glauben nicht an die Warnungen von Marnie, die felsenfest davon überzeugt ist, hier einst einen echten Geist gesehen zu haben – bis Betty auf einmal einer blutüberströmten Frau begegnet. Doch als die Gruppe die Heilstätten verlassen will, sind die Ausgänge plötzlich versperrt und an den Wänden tauchen unheilvolle Botschaften auf.

Eigentlich hat das Horror-Subgenre des sogenannten Found-Footage-Films, bei dem möglichst authentisches Bildmaterial eine gruselige Realität erzeugen soll, seinen Zenit längst überschritten. Nach dem Ende der fünfteiligen „Paranormal Activity“-Reihe und mit Wackelkamera ausgestatteten Abstechern wie mit den „Blair Witch“-Werken, schien sich der Gruselfilm mit „Conjuring“ und Co. wieder auf seine Ursprünge zu besinnen.

Trotzdem zeigt „Heilstätten“, dass diese Found-Footage-Methode immer noch funktionieren kann; und zwar mehr denn je. Schließlich leben die Influencer von heute davon, alles – aber auch wirklich alles! – mit ihren Fans zu teilen. Was liegt da näher, als aufzuzeigen, was passiert, sollte diese Idee vor laufender Kamera aus dem Ruder geraten? Tatsächlich überzeugen nicht nur das perfekt als Horrorkulisse funktionierende Setting der Heilstätten, sondern auch die Platzierung der zumeist sehr effektiven Horrorsequenzen.

Angst vor neuem 
Grusel-Tourismus

So fühlt man sich als Betrachter von „Heilstätten“ mal wieder so richtig unwohl im Kinosaal. Das liegt vor allem daran, dass die Prämisse rund um die YouTuber als Protagonisten perfekt funktioniert. Michael David Pates Film lässt sich wie einer der vielen YouTube-Clips ansehen, seine Hauptfiguren sprechen und agieren wie die Teens von heute, es geht um Likes, Fame und Clicks. Der von ihnen durchlebte Horror wird direkt greifbar, denn irgendwann sind das auf der Leinwand keine Schauspieler mehr, sondern tatsächlich angsterfüllte Menschen. Und dann ist da ja auch noch der Dreh am Ende, an dem sich die Meinungen zwar scheiden werden, der aber auch ein wenig Kritik an unserer Allzeit-­Online-Mentalität anbringt.

Anlässlich des bevorstehenden Kinostarts des Horrorfilms „Heilstätten“ fürchten die Stadt Beelitz und Grundstückseigentümer einen neuen Grusel-Tourismus auf dem Gelände. In sozialen Netzwerken habe es bereits erste Verabredungen gegeben, sagte der Beelitzer Bürgermeister Bernhard Knuth Anfang Januar. Gruselfans, die sich nachts auf das Gelände schleichen, müssten mit Anzeigen rechnen. Das Gelände der ehemaligen Beelitzer Heilstätten soll weg vom Grusel-Image. Ein neuer Verwaltungssitz mit 550 Mitarbeitern plus Wohngebiet soll den verschlafenen Ruinen ein neues Gesicht geben.

  • Der Film läuft im Marburger Cineplex, dauert 89 Minuten, und hat die FSK-Freigabe ab 16 Jahren.

von Antje Wessels