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Im Dunst aus Fusel und Sozialdrama

Theater Im Dunst aus Fusel und Sozialdrama

Ein buntes Sittengemälde der Universitätsstadt Marburg und der bäuerlichen Welt im vorindustriellen 19. Jahrhundert ist Willi Schmidt mit seinem Theaterstück „Wirtshaus an der Lahn“ gelungen.

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Professor Priesenitz (Willi Schmidt, Zweiter von links) und sein Gehilfe Justus (Uwe Lange) genießen im Wirtshaus nicht gerade uneingeschränkte Sympathien. Neben den Beiden (von links): Die Fuhrleute Rudi und Hartmann (Pit Metz, Matt Dressler), Max (Philipp Seitz), die Wirtin (Philippa Chegwin), Marie (Nicole Ströher) und Martha (Marina Wagner).

Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. Die Szenerie wirkt, als habe man eine gemalte Wirtshausszene der flämischen Schule zum Leben erweckt. Saufende, raufende Rauhbeine an grob gezimmerten Tischen, die mit den Musikanten derbe Lieder grölen und den Weibsleuten unters Mieder greifen, Speisereste auf dem Boden, und ein Dunst aus Fusel und Sozialdrama in der dicken Luft. Die beiden Regisseure des „Wirtshauses an der Lahn“, Willi Schmidt und Matze Schmidt, haben die Optik ihrer Produktion so naturalistisch wie möglich gestaltet, ohne dabei die Atmosphäre einer platten Bauernburleske zu schaffen.

Ein Zeitsprung versetzt das Hippie-Studentenpärchen Peter und Gisela aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in die Zeit zwischen Märzrevolution und Kaiserreich. Das legendäre „Wirtshaus an der Lahn“ wird zum Schauplatz einer Spielhandlung, die ständig changiert zwischen vordergründigem Possenspiel und zeitgeschichtlichen Sujets, verkörpert durch die Menschen, die im Wirtshaus ein- und ausgehen: Fuhrleute, die auf den Fortschritt schimpfen, weil der Eisenbahnbau ihnen die Existenz raubt. Der Soldat, der in den politischen Wirren zum Verfolgten wird, weil er Büchners „Landboten“ in den Händen hält.

Die historisch verbriefte Kindsmörderin, die ihr Neugeborenes aus wirtschaftlicher Not in der Ohm ertränkt. Ein heimatkundliches Lehrstück mit spröde-musealem Charakter indes wird aus dieser Stoffsammlung nicht. Das ist Autor Schmidt ebenso zu verdanken wie einem Ensemble ambitionierter und zum Teil einschlägig erfahrener Mimen: Matt Dressler etwa, der seit Jahren in Marburg in diversen Ensembles Theater spielt; Pit Metz, der schon mehrfach mit dem Rauischholzhausener Theaterverein auf der Bühne stand und eigene Kleinkunstprogramme anbietet; und Uwe Lange, der in zahlreichen Produktionen des Wetteraner Theatervereins große Rollen spielte.

„Das Wirtshaus an der Lahn“ ist eine aufwändige Produktion, die Matze Schmidt zufolge nur durch die Unterstützung durch den „Kultursommer Mittelhessen“ und das Projekt „Marburg an die Lahn“. Das Stück hat allerdings durchaus das Zeug zu einem Langzeiterfolg, der der Waggonhalle Wiederaufnahmen über das „Lahn-Jahr 2010“ hinaus bescheren könnte.

von Carsten Beckmann

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