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Illusionen sind da, um zerstört zu werden

Kabarett im KFZ Illusionen sind da, um zerstört zu werden

Was ist Glück? Das ist die großen Fragen, der sich Kabarettist Christoph Sieber in seinem Programm „Das gönn ich Euch“ am Samstagabend im KFZ annahm.

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Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Christoph Sieber spricht mit dem Publikum Tacheles.

Quelle: Tobias Bischof

Marburg. Anstatt abgehoben über mögliche Antworten zu philosophieren, gibt Sieber lieber einen unterhaltsamen, anekdotenreichen und durch alle Altersgruppen führenden Abriss über den Irrsinn im Leben der Menschen der modernen Gesellschaft.

Dabei ist die, für Außenstehende wirr anmutende, Lebenswelt der Jugend Siebers dankbarstes Opfer. Beispiel: das in unverständlichem Denglisch gehaltene Technogebrabbel der Mobilfunk-Werbung. Wer nicht zur Generation der PISA-Gescheiterten gehört, in der sich der „aufrechte Gang nur deshalb durchsetzte, damit man noch an den Münzeinwurf der Zigarettenautomaten heranreicht“, der versteht hier nur noch Bahnhof.

„Gepierct, genietet, gelocht“, dass ist die Jugend von heute. „Früher hatte man Angst, dass die Kleinen sich verkühlen, heute, dass sie verrosten“ spottete Sieber über die immer schmäler werdende Basis der verkehrten Alterspyramide.
Wer sich wundert über dieses sonderliche Gebaren der Jugend, dem rät Sieber, einmal mit Verstand den ganz normalen Wahnsinn, der einem täglich aufs Neue im Fernsehen vorgelebt wird, zu betrachten. Überall wird gekocht, schwenken Biolek und Co. überdimensionierte Pfeffermühlen, preisen Frauen 70+ ihre körperlichen Attribute und suchen 9Live-Moderatoren für hunderte von Euros nach dem fehlenden Buchstaben im Wort „icken“.

Der Otto Normalbürger, als dessen Sprachrohr und „Gefühlsdienstleister“ sich Sieber versteht, bleibt in all dieser unverständlichen Sinnbefreiheit, der ihn umgebenden Welt verdutzt zurück. Einzig probates Mittel der angestauten und viel zu selten geäußerten Wut gegen Unbildung, medialen Schwachsinn und die skurrilen Entscheidungen der Bundesregierung in sozial- und außenpolitischen Fragen, scheint ein inbrünstiger Aufschrei der Massen, vertreten durch das Marburger Publikum. Dirigent Sieber untermalt die gemeinschaftlich angestimmte Kompensationshandlung mit vollem Körpereinsatz: „Wo wird denn Marburg am Hindukusch(?) verteidigt!“ schreit es Sieber heraus und erntet den Beifall der Zuschauer.

von Tobias Bischoff

Mehr lesen Sie am Dienstag in der Printausgabe der OP.

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