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Marburg „Ich versuche, alles selbst zu regeln“
Marburg „Ich versuche, alles selbst zu regeln“
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14:00 24.03.2018
Eine Mutter mit ihren Kindern auf dem Weg zum Flüchtlingslager in Idomeni an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Dort wurden viele geflüchtete Familien auseinandergerissen.  Quelle: Kay Nietfeld
Marburg

Aziza M. (Name von der Redaktion geändert) ist 15 – ein Alter, in dem Teenager hierzulande aus freien Stücken den Kontakt mit ihren Eltern auf ein Minimum beschränken. Pubertät eben. Aziza hat seit Monaten nicht mit ihrem Vater gesprochen, aber sie würde es gern tun. „Wenn ich anrufe, weint er immer und wir können nicht reden“, erzählt die Afghanin.

„Permanent traurig und appetitlos“

Von ihren Eltern und ihren jüngeren Geschwistern wurde sie getrennt, als die Familie versuchte, die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien zu passieren. Ihr sowie einem älteren Bruder und einer älteren Schwester gelang die Flucht bis nach Deutschland, der Rest der Familie sitzt in Griechenland fest. „Ich bin immer traurig und kann nicht schlafen.“

Ja, sie gehe zur Schule, aber dort gefalle es ihr nicht. Nichts gefällt Aziza an ihrem Leben in Marburg, und weil das so ist, ist sie ein Fall für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hochschulambulanz für Kinder- und Jugendlichentherapie.

Fragen & Antworten

Aktuelle Zahlen, Daten und Fakten zu minderjährigen Flüchtlingen in Marburg lieferte auf Nachfragen der OP die Pressestelle der Stadt:

Wie viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge halten sich derzeit in Marburg auf?
Es halten sich derzeit 109 junge unbegleitete Menschen im Alter zwischen 3 und 23 Jahren in Marburg auf. 33 von ihnen sind aktuell noch minderjährig. Die weiteren jungen Menschen sind in den vergangenen Jahren als Minderjährige eingereist.

Wie hat sich der Stand im Vergleich zu 2015 entwickelt?
Im Laufe des Jahres 2015 sind in Marburg 69 unbegleitete minderjährige Ausländerinnen und Ausländer eingewandert. Dies war das Jahr mit der höchsten Einwanderungsbewegung.

Welchen Status haben sie?
In der Mehrzahl haben die unbegleiteten minderjährigen Ausländerinnen und Ausländer, die in Marburg leben, subsidiären Schutz. In einigen Fällen sind sie anerkannte Asyl­bewerber.

Aus welchen Ländern kommen sie?
Im Wesentlichen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Somalia.

Welche Altersspannbreite ist vertreten, wie ist das Geschlechterverhältnis?
In Marburg leben unbegleitete minderjährige Ausländerinnen und Ausländer im Alter zwischen 3 und 23 Jahren. Der Schwerpunkt liegt mit etwa 66 Prozent auf der Altersgruppe von 18 bis 20 Jahren. Der Anteil der geflüchteten jungen Mädchen und Frauen liegt bei unter fünf Prozent.

Wo sind sie untergebracht?
Die jungen Menschen sind in Wohngruppen freier Träger der Jugendhilfe untergebracht.

Bei wie vielen dieser Personen ist Familiennachzug beantragt?
Nach dem Wissen des zuständigen Fachdienstes der Universitätsstadt Marburg wurde in vier Fällen Familiennachzug beantragt.

Und bei wie vielen wurde der Antrag bereits beschieden?
Die Stadt Marburg kennt einen Fall, in dem der Familiennachzug durchgeführt wurde.

Wie ist die Situation der Vormundschaft geregelt?
Für die noch verbliebenen 33 Minderjährigen besteht bis auf wenige Ausnahmen Amtsvormundschaft.

Dr. Hanna Christiansen lieferte zudem folgende Zahlen zur Auslastung der Hochschulambulanz: Bisher wurden insgesamt 53 unbegleitete minderjährige Geflüchtete behandelt, 24 befinden sich aktuell in Therapie und 17 stehen auf der Warteliste – mit Wartezeiten von bis zu acht Monaten. Bei weiteren 22 ­Patienten ist ein Erstgespräch geplant.

Die Einrichtung im Marburger Südviertel stößt derzeit bei der Behandlung minderjähriger Flüchtlinge an ihre Grenzen, wie Leiterin Dr. Hanna Christiansen im Gespräch mit der OP erzählt. 17 junge Patientinnen und Patienten hat die Einrichtung auf der Warteliste. Bei vielen Kindern und Jugendlichen beginnen die psychischen Probleme erst Monate, nachdem sie in Deutschland angekommen sind, erklärt Christiansen: „Wenn der Stress der Flucht sich legt, kommt alles hoch.“ Die Folge sind posttraumatische Belastungsstörungen, Anpassungsstörungen, Depressionen.

So wie bei dem neunjährigen Mohamad G., der mit seinem Onkel nach Deutschland kam und dessen Eltern immer noch mit ungewisser Zukunftsperspek­tive in der Türkei ausharren müssen. Als „permanent traurig und appetitlos“ erlebt seine Therapeutin Johanna Ketter den Jungen: „Er schläft schlecht, und wenn, dann überhaupt nur bei eingeschaltetem Licht.“ In der Schule sei Mohamad unkonzentriert, aggressiv, immer wieder gebe es körperliche und seelische Zusammenbrüche.

„Man erlebt sich da oft als eine Art Feuerlöscher“

Wie an dem Tag, als Mohamad zufällig Zeuge eines Gesprächs zwischen seinem Vormund und seiner Wohngruppenbetreuerin wurde, in dem es darum ging, dass er wohl nicht als einer jener Härtefälle eingestuft wird, die einen Familiennachzug möglich machen würden. „Wenn so ein Neunjähriger kein Härtefall ist – wer ist es dann?“, fragen sich Christiansen und ihr Team. Solange die Jungen und Mädchen ohne ihre Eltern klarkommen müssen, versuchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hochschulambulanz, ihnen mit einer sogenannten narrativen Expositionstherapie zu helfen.

„Dabei werden die Patienten über das Erzählen ihrer Geschichte mit ihr konfrontiert und lernen so, mit ihrer Situation umzugehen", erklärt Therapeut Lorenz Weber. „Man erlebt sich da oft als eine Art Feuerlöscher, weil akute Erlebnisse die Therapie sprengen“, erzählt Weber aus der täglichen Arbeit. Die wird zusätzlich erschwert durch bürokratische Hürden und den hohen Mehraufwand. So müsse zum Beispiel in der Regel ein Dolmetscher anwesend sein, wenn die Therapiegespräche stattfinden.

Cornelia Soff, die für die Ausbildung des Therapeutennachwuchses in der Ambulanz zuständig ist, beklagt zudem die „mangelnde Transparenz“ im Zusammenspiel der Behörden, die in die Betreuung der minderjährigen Flüchtlinge involviert sind: „Wir haben keine Handlungsgrundlage, wir wissen oft nicht, wer unsere Ansprechpartner sind.“

Weber ergänzt: „Wir als Therapeuten müssen in der Lage sein, mit dem Vormund des jeweiligen Patienten Kontakt aufnehmen zu können.“ Das gelinge nicht immer und manchmal wissen selbst die Betroffenen nicht, wer ihr Vormund ist – Aziza M. hat zurzeit überhaupt keinen offiziellen Vormund, wovon sie mehr oder weniger zufällig erfuhr.

Doch – mehr trotzig als selbstbewusst – sagt sie: „Ich versuche sowieso, möglichst alles selbst zu regeln.“ Cornelia Soff nennt einen weiteren Grund dafür, warum die Arbeit mit den jungen Geflüchteten das Ambulanz-Team vor Schwierigkeiten stellt: „Solange das Sozialamt für die Patienten zuständig ist, wird nur die Hälfte der Leistungen dessen finanziert, was bei anderen Patienten über die Krankenkasse abgerechnet werden könnte.“ Zu dieser Ungleichbehandlung komme erschwerend hinzu, dass man mit geringeren Stundensätzen und -kontingenten klarkommen müsse.

von Carsten Beckmann