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Marburg Matthias Faltz: „Ich hinterlasse ein gut organisiertes Haus“
Marburg Matthias Faltz: „Ich hinterlasse ein gut organisiertes Haus“
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12:01 13.05.2018
Matthias Faltz, Intendant des Hessischen Landestheaters Marburg, sitzt gut gelaunt an seinem Schreibtisch. Derzeit probt er mit dem Ensemble seine letzte Marburg-Produktion „Robin Hood – Ein Fest für die Gerechtigkeit“. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

OP:  Guten Tag Herr Faltz, sie sind jetzt acht Jahre Intendant am Hessischen Landestheater Marburg. Wie fällt ihre persönliche Bilanz aus?
Matthias Faltz: Aus meiner Sicht war es eine gute und erfolgreiche Zeit, weil wir – damit meine ich das gesamte Team – angenommen worden sind, weil wir unser Publikum erreicht haben. Worauf ich auch stolz bin als geschäftsführender Intendant: Wir sind mit den Zahlen hingekommen, was nicht selbstverständlich ist. Wir hatten immer einen ausgeglichenen Haushalt und werden ihn in diesem Jahr auch haben. Das zeigt, dass wir mit den begrenzten Möglichkeiten, die wir haben, auch wirtschaftlich gut ­gearbeitet haben.

OP:  Sie haben an dem kleinen Theater ein breites Spektrum geboten: Klassiker, große Musicals, daneben Uraufführungen und unbekannte, sperrige Stücke. Ist diese Vielfalt das große Plus eines Landestheaters?
Faltz: Wir wollten dem Publikum verschiedene Theaterformen anbieten und es freut mich, dass sie angenommen wurden. Das hat gut geklappt. Wir haben damit auch unterschiedliche Altersgruppen erreicht: An einem Abend sind Studenten und Schüler da, am anderen das klassische Theaterpublikum. Von daher haben sich meine Hoffnungen vom Beginn eingelöst.

OP:  Mit dem Blick zurück und der Erfahrung von acht Jahren in Marburg: Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?
Faltz: Ich habe am Anfang noch mehr unterschiedliche Formate angeboten und verschiedene Gastspielreihen konzipiert, die nicht nötig waren. Ich habe dann gemerkt, dass die Marburger sich mehr für das Ensemble am Haus interessiert haben und weniger für interessante Gastspiele, sodass wir die relativ schnell wieder vom Spielplan genommen haben. Zudem war es auch teuer und hat sich letztlich nicht gerechnet.

Ich würde, glaube ich, auch ein wenig anders mit meinen Erwartungen umgehen: Ich bin ziemlich ungeduldig und hatte nicht damit gerechnet, dass es so lange dauert, wirklich in Marburg anzukommen. Ich dachte, das dauert nicht länger als eine Spielzeit, aber gefühlt waren es mindestens drei – bis ich ein Gefühl dafür hatte, wie die Stadt tickt, wie das Theater tickt, wie das Publikum tickt.

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„In Marburg wird wenig Wert auf Etikette gelegt, was ich sehr sympathisch finde.“

OP:  Wie tickt denn Marburg? Theaterleute kommen ja meist von außen, schauen die Stadt mit dem Blick von außen an, machen Theater und merken irgendwann: das geht, das nicht. Das hat ja auch etwas mit dem Befinden der Menschen zu tun.
Faltz: Den Blick von außen habe ich immer noch, den wollte ich mir erhalten. Ich war vorher 6 Jahre in Wiesbaden, davor 15 Jahre in Berlin, davor 7 Jahre in Dresden. Ich habe das Marburg-Gefühl immer ein bisschen mit dem Ostgefühl verglichen: Es wird wenig Wert auf Etikette gelegt, was ich sehr sympathisch finde.

Es geht in Marburg viel um Zwischenmenschlichkeit, um soziale Kontakte, die man pflegt. Zudem hat man eine große Breite von Möglichkeiten, sowohl die, die sich einbringen wollen, als auch die, die sich irgendetwas anschauen wollen. Es fühlt sich vieles auch ein bisschen semiprofessionell an, im Vergleich etwa zu Wiesbaden, wo sehr vieles äußerlich edel, ausgefeilt und auf Wirkung aus zu sein scheint. Das ist in Marburg gar nicht so.

OP:  Gibt es etwas, was sie als Marburg-typisch bezeichnen würden?
Faltz: Das Besondere an Marburg merkt man erst, wenn man sich ein ganzes Jahr anschaut, das strukturiert ist durch die Uni. Es gibt komplett unterschiedliche Lebensgefühle, wenn Semester ist oder wenn Semesterferien und dazu noch Schulferien sind. Der Unterschied ist Wahnsinn, mal Großstadtgefühl, mal Kleinstadtgefühl. Es hat eine Weile gedauert, bis wir das kapiert und für das Theater mit eingeplant haben. In der Stadthalle etwa muss man Anfang September nichts machen, dafür sind dann einfach zu wenig Leute in der Stadt.

OP:  Gab es in den acht Jahren ein Stück, eine Idee, die sie nicht umsetzen konnten, weil das Marburger Publikum oder das Theater nicht bereit dafür waren?
Faltz: Vielleicht eine Sache: In Richtung Gießen gibt es eine große Kiesgrube. Da hätte ich gerne mal eine Inszenierung gemacht. Aber ich habe es mir verkniffen wegen der Logistik. Es wäre ein Riesenaufwand gewesen. Ich weiß auch wie lange es dauert, bis alle Interessierten mitgekriegt haben, dass wir ein neues Stück auf dem Spielplan haben. Bei unserem Open-Air-Sommerspektakel etwa kommen viele Leute am Ende, wenn es fast vorbei ist, kriegen keine Karten mehr und regen sich dann auf, dass das Stück nicht mehr gespielt wird.

OP:  Welches war aus ihrer Sicht die schönste, welches die schlimmste Vorstellung?
Faltz: Ich tue mich immer schwer mit eigenen Produktionen. Ich erinnere mich aber an drei Premieren, wo ich sehr glücklich war: Das war „Black Rider“, das war „Soul Kitchen“ und das waren die „Blues Brothers“. Da habe ich gemerkt: Die Zuschauer nehmen es an, das Konzept und die ganze Arbeit sind aufgegangen. Das Schlimmste, mmmh.

OP:  Naja, wenn überhaupt nichts klappt, wenn die ­Bühne zusammenbricht, ein Schauspieler Schreikrämpfe bekommt.
Faltz: Die Schreikrämpfe kriegt man ja am ehesten auf der Probe. Es gab mal bei „Aladin“ einen Unfall. Claudia Mau ist von einer großen Schaukel schwer gestürzt, hat dann weitergespielt und im Nachhinein festgestellt: Es war das Schlimmste, was sie machen konnte. Da hatten wir noch großes Glück, dass es nicht zu einem ganz ernsten Unfall gekommen ist. Das sind Sachen, vor denen es einen gruselt. Das bleibt dann auch ewig in Erinnerung.

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„Es hat sich für mich total richtig angefühlt, zu sagen: Nach acht Jahren höre ich auf.“

OP:  Vor drei Jahren haben Sie bei der Spielzeitbegrüßung fast in einem Nebensatz erklärt, dass Sie aufhören. Was hat Sie damals geritten?
Faltz: Ich hatte davor Ferien und da hat man Zeit und Ruhe zu überlegen, wie es langfristig weitergehen soll. Und damals hat es sich für mich total richtig angefühlt, zu sagen: Nach acht Jahren höre ich auf, das ist ein selbstbestimmtes Ende. Ich wollte es selber entscheiden und nicht später aus einem Gefühl heraus, dass meine Arbeit irgendwann nicht mehr geschätzt, dass das Vertrauen nicht mehr da ist.

OP:  Vom Publikum, von der Stadt und dem Land?
Faltz: Vom Publikum. Ich kenne das von mir. Wenn man über viele Jahre ins Theater geht hat man irgendwann das Gefühl: Das kenne ich schon. Auch wenn das Stück anders heißt, auch wenn ein neuer Regisseur oder eine neue Regisseurin kommt. Die Orte sind gleich, die Ästhetik ähnelt sich oft. Das Theater aber lebt von Neugier, von Aufgeregtheit und die ist größer, wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Da sehe ich mich dann auch als Theatergänger, der froh ist, wenn er überrascht wird.

OP:  Jetzt sind die drei Jahre ja wie im Flug vergangen. Würden Sie es heute noch mal so ­machen?
Faltz: Wenn ich jetzt behaupten würde Ja, dann ist das nicht ganz die Wahrheit. Es gibt natürlich Zweifel, es gibt Freundschaften, die zwischen den Kollegen gewachsen sind. Aber ich glaube ein Grund dafür, dass wir uns jetzt so wohlfühlen miteinander, so respektvoll miteinander umgehen, hat auch damit zu tun, das allen bewusst ist, dass die Arbeit hier eine Endlichkeit hat. Das hat auch etwas mit meiner Entscheidung zu tun. Besser drei Jahre zu früh als ein Jahr zu spät.

OP:  Sie haben einen ziemlich ungewöhnlichen Weg zum Theater genommen – sie haben Abi gemacht, sind Facharbeiter Elast (Gummi und Reifen), sind studierter Diplom-Autoingenieur und erst dann zum Theater gegangen. War so etwas nur in der ehemaligen DDR möglich?
Faltz: Es hatte sicher auch ein bisschen mit der DDR, aber es hat auch viel mit mir zu tun. Ich war in vielen Punkten ein Spätentwickler. Als Kind war ich eigentlich nur in der Sporthalle und auf dem Sportplatz, habe sehr aktiv Handball gespielt, war kurzzeitig auch an der Sporthochschule. In der Zeit, als es um den Berufswunsch ging, hatte ich keinen richtigen Plan.
Ich habe an einer Berufsschule Abitur und Ausbildung gleichzeitig gemacht.

Eigentlich wollte ich Kunst studieren. Da haben sie mich ein paar mal zum Direktor geholt und gemeint: Wir machen hier eine Berufsausbildung und das kostet Geld und wenn du eine einigermaßen gute Beurteilung haben willst, musst du was in der Richtung machen, sonst kriegst du sowieso keinen Studienplatz. In der Zeit haben mich Mopeds und Motorräder interessiert, und dann habe ich trotzig gesagt: Na gut, dann mach ich irgendwas mit Autos. Ich habe mich dann für das Ingenieursstudium beworben und die haben mich sogar genommen – das war so nicht abzusehen: 100 Bewerbungen und 18 Studienplätze.

OP:  Apropos Autoingenieur: Können Sie heute noch an Autos schrauben, reparieren Sie ihr Auto noch selbst?
Faltz: Als ich noch studiert habe, da konnte man noch an den Autos selbst schrauben. Heute muss man den halben Motor ausbauen, wenn mal ein Sensor oder eine Glühbirne nicht mehr funktioniert. Ich habe es in den letzten Jahren nicht versucht.

OP:  Und wie sind sie dann beim Theater gelandet?
Faltz: Ich hatte keinen, der mich ausgebildet hat, ich habe mir immer meinen Weg gesucht und alles über das Machen gelernt. Ich wohnte damals in Dresden in einem Künstlerviertel und habe relativ schnell gemerkt: Das ist eigentlich das, was mich interessiert. Ich hab das Studium aber zu Ende gemacht, damit meine Eltern sich nicht sorgen.Neben dem Studium habe ich Theater gespielt. Mit Jens Finke habe ich dann das Theater Finke-Faltz gegründet und wir hatten 1987 sogar eine staatliche Genehmigung, dass wir das freiberuflich machen durften. Das war wie ein Fünfer im Lotto. Wir durften kurz vor der Wende sogar ins westliche Ausland. Dann kamen vermehrt Regieangebote. 

Als ich mal in Wiesbaden als Gast Regie geführt habe, hat mir der damalige Intendant Manfred Beilharz die Spartenleitung für das Junge Theater angeboten. Ich selber war auch an einem Punkt, an dem ich mal länger mit einem Ensemble zusammenarbeiten wollte und habe angenommen. Wir waren in Wiesbaden auch relativ erfolgreich als kleine Sparte an dem großen Theater. Als hier Ekkehard Dennewitz nicht verlängerte, haben mich einige Leute angesprochen, ob das nicht etwas für mich wäre. Ich hatte das gar nicht so als Karriereziel auf meiner Liste. Ich dachte: kann ich ja mal probieren und es hat geklappt.

OP:  Und plötzlich waren sie geschäftsführender Intendant mit einem Riesenetat.
Faltz: Naja, so riesig ist der in Marburg auch nicht. In Wiesbaden ist der Theateretat zehnmal so groß.

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„Meine Nachfolgerinnen beginnen mit einem Wohlwollen in der Stadt und im Theater, was ich sehr schön finde.“

OP:  Wie geht Ihr Weg jetzt weiter?
Faltz: Ich weiß es nicht. Ich freue mich erst einmal auf den Rest der Spielzeit und auf die letzte Produktion „Robin Hood“, darauf, mit 100 Prozent dabei zu sein und nicht parallel irgendetwas Neues an den Start ­bringen zu müssen. Ich habe zwei, drei Ideen, was ich machen könnte, aber ich muss erst mal in der Ruhe gucken, was sich richtig anfühlt. Aber ich möchte weiter künstlerisch arbeiten.

OP:  Was erwartet denn die beiden neuen Intendantinnen in Marburg?
Faltz: Ich glaube, im Gegensatz zu meinem Beginn ist der Übergang relativ harmonisch, weil es ein selbstgewählter und kein erzwungener Abschied von mir ist und das auch langfristig klar war. Meine Nachfolgerinnen beginnen mit einem Wohlwollen in der Stadt und im Theater, was ich schön finde. Ich hinterlasse kein Chaos, keine verbrannte Erde, keine roten Zahlen, sondern ein gut organisiertes Haus.