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Marburg „Ich bin ein Pinguin, ich kann nichts“
Marburg „Ich bin ein Pinguin, ich kann nichts“
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21:22 24.10.2010
Bleu Broode errang die mit kunstvollen Worten umworbene Siegertrophäe im Finale und setzte sich dort knapp gegen das Team Allen Ernstes und Martin Sieper durch. Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Etwa 450 Poesiebegeisterte lavierten sich stoisch durch einen aufwärmenden Jubel-Workshop, um von einem Verbalnihilismus versprühenden Liedermacher weiter auf das Folgende vorbereitet zu werden. Dabei stellte das Einrennen offener Türen durch zotige Interpretationen kontemporärer Popkultur mit basishumoristischen Plattitüden ein klares Kontrastprogramm zur teils tiefsinnigen Kreativleistung dar, die sich unmittelbar anschließen sollte.
Kurz und schmerzlos wurden darauf freiwillige Jurymitglieder aus dem Publikum bestimmt, wobei der Co-Moderator namens Bo mit der possierlichen Desorientiertheit eines Helge Schneider zu verzücken wusste.
Nun konnte das Programm mit einem hirnerweichenden Stakkato aus näselnder Nachrichtenrhetorik beginnen, einer Brandrede gegen sklavischen Infotainment-Labskaus-Konsum, im folgenden konterkariert durch Seifenblasen aus Neologismen, metapherngeschwängerten Tagträumereien einer verlorenen suburbanen Jugend.
Nostalgische Zivilisationsromantik und das flehentliche Verlangen nach einer einfachen, kleinen Welt wurden dem altersentsprechenden Publikum so näher gebracht – postjuvenile Existenzialverwirrung pur. Der Variationsreichtum der dargebotenen Poesie konnte durch die herzzerreißende Ode an den außerirdischen Killerroboter Megatron dann auch kaum deutlicher gemacht werden. Ein Frontalangriff in Form eines Literaturgeschichtsrevisionismus transportierte später einen metrumgetreuen Enthüllungsbericht um Goethes derangierten Sprössling, der als Zechpreller und Wermutbruder im Schatten seines bedeutenden Vaters eingehen musste.
Tatsächlich äußerte sich der aufgewühlte Gedankenkosmos junger Menschen in überragender Frequenz, so unter anderem im stilsicher abgelesenen Klagelied eines mediokren Menschendaseins mit suizidalen Konsequenzen.
Ein frenetisch beklatschter Lokalmatador thematisiert die Komplikationen der Vorbildfunktion im innersten Familienkreis – inklusive dem pathologischen Verlangen, die Heldenfiguren seiner Kindheit selbst zu verkörpern.
Dabei konnte selbst ein Poet den Allgemeinplatz nicht vermeiden, die sexuelle Orientierung von Barbies Begleiter in Frage zu stellen und folglich phantasiestimulierend die androgyne Schoßregion der bereits genannten Spielzeugserie zu umreißen.
Häufig aufgegriffen wurde ebenfalls das komplexe Themengebiet trauter Zweisamkeit – einmal in der eifersuchtstriefenden Verwünschungsorgie einer Teilnehmerin, in der diese liebestolle Turteltauben ins Visier nahm, die in öffentlichen Grünanlagen ihr Unwesen treiben.
Dass der Valentinstag höchstwahrscheinlich eine verschwörerische Schöpfung der Floristenindustrie ist, lässt sich schwer belegen, muss jedoch auch nicht als unwahrscheinlich gelten.
Herrlich pointiert empfiehlt daraufhin der spätere Sieger Bleu Broode eine Rückgratspenderkartei für deutsche Politiker in moralischer Bankrottsituation, gefolgt von einem Bericht traumatischer Erlebnisse beim Doppeldate mit den Eltern des zukunftstauglichen Partners.
Die als verstaubt empfundende Naivität sexueller Aufklärungscineastik der Elterngeneration wird so effektvoll an den Pranger gestellt. In der letzten Finalausscheidung war vom Zusammentreffen eines unglücklich harpunierten Umweltaktivisten auf dem Meeresgrund mit dem mystischen Herrscher der Tiefen ein Thema, ebenfalls die angeblich zerrüttete Seelenwelt konformistischer Beziehungsopfer im Alltag.
Die Siegertrophäe durfte jedoch Bleu Broode aus den Händen des Schirmherrs Lars Ruppel empfangen, da eine zarte Motivationspoesie das Publikum am Ende überzeugte. Die ansprechende Abbildung einer nackten Frau und die Ehrerbietung der Versammelten im Gepäck zog er so mit einem großen Teil des Publikums zur Aftershowparty im Bowlingcenter.

von Richard W. Schaber