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Marburg Stein in der Lahn kündigt Hungersnot an
Marburg Stein in der Lahn kündigt Hungersnot an
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12:00 24.12.2018
Der moosbewachsene Brocken in der Lahn, flussabwärts der Schützenpfuhlbrücke, soll einst als Hungerstein gedient haben. Dem steinernen Mysterium sind Ulla Eichhorn-Stullich und Eberhard Lübbeke vom Nabu mit den Lokalhistorikern Dieter Woischke und Friedrich Dickmann (fehlt auf dem Foto) nachgegangen. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Zuletzt war das vergessene Stück Gestein mitten in der Lahn vor rund 70 Jahren ein Thema in der Schule, um dem Marburger Nachwuchs etwas über Lokalgeschichte beizubringen. Zumindest hat damals Friedrich Dickmann von seinem Heimatkundelehrer zum ersten Mal von diesem Stein erfahren.

Das war 1947, Dickmann war gerade acht Jahre alt. Doch in eben diesem Jahr war der verheißungsvolle Stein besonders gut zu sehen, „es war ein sehr trockener Sommer“, erinnert sich der heute 79-Jährige. Und damit sank der Lahn-Pegel, erst dann wird der Stein überhaupt sichtbar. Denn wie der Name schon sagt, ist ein Hungerstein Vorbote für hungrige Zeiten für die Bevölkerung. Ein sinkender Wasserstand bedeutet in der Regel große Trockenheit, ausgedörrte Felder, schlechte Ernten. „Wenn diese Steine auftauchen, gibt es gewaltige Missernten, teilweise vertrocknete damals das Korn auf den Feldern“, sagt Dickmann.

Also kein schöner Anblick für die Bürger. Lugte der Stein aus der Lahn heraus, war das für die Marburger ein Symbol, den Gürtel enger zu schnallen. Eine undankbare Aufgabe, selbst für einen Stein. Damals war diese Stelle der Lahn zudem besonders gut besucht – die Brücke am Südbahnhof gab es noch nicht, etwa an dieser Stelle existierte eine Furt zur Überquerung der Lahn.

Stein hat viele Jahre von schlechten Zeiten gekündet

Und direkt daneben brachte der Stein schlechte Kunde: „Jeder, der vorbeikam, konnte sehen, dass man einem schlimmen Sommer entgegenging“, erinnert sich der Senior. Wenn die Hungerstein-Legende stimmt, muss der Mensch den dicken Brocken irgendwann mal als Wasserstandsanzeiger in die Lahn gelegt haben. 20 Jahre lang war Dickmann als Pfarrer in Marburg tätig, wechselte zeitweise die Stadt, kehrte dann wieder zurück. Doch in all der Zeit hat er nie wieder jemanden vom Hungerstein reden hören. Dabei soll der viele Jahre, vielleicht Jahrhunderte – man weiß es nicht so recht – stumm von schlechten Zeiten gekündet haben.

Heute scheint er zum Mythos verkommen zu sein. Der Stein taucht in der Lokalhistorie der Stadt nicht auf. Weder im Staatsarchiv noch bei Geschichtsvereinen scheint sich jemand an ihn zu erinnern. Mancher Gelehrter aus der Unistadt vermutet dahinter gar eine Legende.

Auch Lokalhistoriker Dieter Woischke, der die Geschichte der Region intensiv erforscht hat, kennt das steinerne Relikt nicht. „Ich habe nie von einer Sage über den Hungerstein gehört, aber ich wette, es gibt viele dieser Steine in der Lahn“, schätzt der 94-Jährige. Etwa in Wehrda, wo er schon mehrere der dicken Brocken in der Lahn entdeckt hat. Die ragen allerdings selten aus dem Wasser, wurden seit jeher eher als Badeinseln genutzt. Woischke schätzt, dass weitere Steine über die Jahre abgesackt oder weggespült wurden. Andere werden dagegen wieder eher sichtbar.

Vielleicht ist der Stein auch nur eine Legende

Das vermutet auch Eberhard Lübbeke, Vorsitzender vom Marburger Naturschutzbund, der – so wie der Hungerstein – auf einen besorgniserregenden Pegelstand der Lahn hinweist. Ursprung sei dabei nicht nur die Trockenperiode. Gerade in den letzten Jahren habe sich die Lahn „eingetieft“. Ursache seien künstliche Eingriffe in den Gewässerverlauf, langfristige Auswirkungen, etwa auf die Fließgeschwindigkeit, „daher verändern sich auch die Pegel“, sagt Lübbecke. Dies erst recht nach dem heißen Sommer, der sein Übriges tat, dadurch allerdings den Marburger Hungerstein wieder zum Vorschein brachte.

Der wird wohl noch einige Zeit aus dem Wasser ragen, in Zukunft wieder häufiger zu sehen sein und von kargen Zeiten künden. So zumindest die Theorie. Vielleicht ist die ganze Geschichte auch nur eine Legende, und der heute vermooste Quader in der Lahn ist nur zufällig an genau dieser Stelle gelandet. Auf die ein oder andere Weise wurde er vergessen. So bleibt der Stein als Vermächtnis jener vorausschauenden Marburger, die ihn einst in sein nasses Bett gelegt haben.

von Ina Tannert