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Marburg Hochhaus-Neubau „sehr überlegenswerte Chance“
Marburg Hochhaus-Neubau „sehr überlegenswerte Chance“
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11:33 22.02.2018
Juni 2014: Brand des Hochhauses „Am Richtsberg 88“.  Quelle: Florian Gärtner
Marburg

Studentenwerk und Allianz-Versicherung haben ­einen Vergleich geschlossen – herausgekommen ist die Zahlung einer Millionensumme, die dem Haus-Eigentümer sowohl eine Sanierung als auch einen Abriss und Neubau des ­Gebäudes ermöglichen.

„Wären wir mit dem Finanziellen nicht zufrieden gewesen, hätten wir den Vergleich nicht unterschrieben“, sagt Uwe Grebe, Studentenwerks-Geschäftsführer. Jetzt gebe es die „sehr überlegenswerte Chance“, ein über 40 Jahre altes Bauwerk „niederzureißen, um in der Folge etwas Modernes hinzusetzen“.

Das Bauamt hat bereits 2016 einen Bauantrag des Studentenwerks genehmigt – allerdings nur für eine Sanierung. Sollte – laut Grebe wohl im späteren Verlauf dieses Jahres – eine Entscheidung für Abriss und Neubau an dem Standort erfolgen, müsste ein neuer Bauantrag gestellt werden.

„Und 50 Kilo Sprengstoff reinstecken und eine große Staubwolke erzeugen wie beim Uni-Bau in Frankfurt, geht am Richtsberg nicht. Das Gebäude muss Stück für Stück rückgebaut werden“, sagt er.

Versicherer befürchtete eine Luxussanierung

Zwei Sachverständige – einer von der Versicherung, einer vom Studentenwerk beauftragt – erstellten bereits 2014 Gutachten über Immobilienwert und Schadenshöhe. Ein im Nachgang aufgetretener Streitpunkt zwischen Versicherung und Studentenwerk war die ­Befürchtung seitens der Allianz, dass der Eigentümer im Zuge ­einer möglichen Sanierung Extras einbauen will, die die Versicherung als unnötigen Zusatz erachtet.

Die Versicherung werde „das, was nötig ist und eben nicht das, was besser, schöner, teurer ist“ bezahlen, wollte eine Luxussanierung vermeiden. Das Studentenwerk sah hingegen bei anstehenden Bauarbeiten die „Gefahr, auf erheblichen Kosten sitzenzubleiben“. Für die Sanierung des 1973 gebauten Hauses, das größte Wohnheim und eines der höchsten Häuser in der Universitätsstadt, würden nach dem Kellerbrand aktuelle Brandschutz-Standards gelten.

Der Brand im Juni 2014 zog den größten Feuerwehreinsatz seit der Katastrophe im Squash-Center im Jahr 1995 nach sich. Mehr als 280 Bewohner mussten damals aus dem brennenden Haus, teilweise mit Drehleitern aus den obersten der zwölf Stockwerken des Gebäudes gerettet werden.

Dutzende Ex-Bewohner des vor allem auf Studentenfamilien und ausländische Hochschüler ausgelegten Wohnheims lebten danach bisweilen monatelang in Notunterkünften.

Studentenwerk in puncto Bautätigkeit für fünf Jahre ausgelastet

Die Schließung des Wohnheims verschärft seitdem den Apartmentmangel in der Stadt, das Studentenwerk errichtete in der Folge ein Wohnheim in der Gutenbergstraße. Und im Sommer dieses Jahres soll das Wohnheim Hasenherne, das nach dem Brand laut Grebe in Richtung WGs und Familienzimmer umgeplant wurde, eröffnen.

Auch der gerade laufende Abriss des Alten Sprachatlasses soll ab Frühjahr 2019 dem Wohnungsbau dienen. Das Sprachatlas-Projekt parallel zum Richtsberg zu bewältigen, „ist kein Thema, das muss aufeinander folgen“, sagt Grebe auch im Hinblick auf nötige Ausschreibungen. In puncto Bautätigkeit sei das Studentenwerk wohl für die nächsten fünf Jahre ausgelastet.

Die Polizei ging im Sommer 2014 am Richtsberg von Brandstiftung aus, bis heute ist der Täter nicht gefasst. In den Jahren des Leerstands brachen Unbekannte in das Gebäude ein, entleerten Feuerlöscher und richteten so weitere Schäden an.

von Björn Wisker