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Marburg Die dunkle Seite der Sommerhitze
Marburg Die dunkle Seite der Sommerhitze
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00:17 29.07.2018
Ein Thermometer zeigt 36 Grad Celsius an. Heute soll es in Teilen Deutschlands noch heißer werden. Für den Landkreis sind 34 Grad angekündigt. Quelle: Patrick Pleul
Marburg

Trinken, trinken und nochmals trinken. Am besten Wasser und Tee. Keine alkoholischen Getränke. – Nun, das kann fast jeder Mensch selbst für sich steuern. Körperliche Belastung vermeiden. – Das kann schon nicht jeder Mensch für sich entscheiden. Glücklich diejenigen, die jetzt Urlaub haben, Pech für jene, die arbeiten müssen, erst recht, wenn sie körperlich gefordert werden.

Bei den jetzt herrschenden Temperaturen wird schon mal Rasenmähen unter Vollsonne­ zur Tortur. Solche Aufgaben sollten bei einer solchen Hitze, wenn denn nötig, am frühen Vormittag erledigt werden, meint Stefan Jesberg von der Gemeindeverwaltung Münchhausen. Da müsse man einfach etwas flexibel sein. Schließlich können sich die Mitarbeiter des Bauhofs bei bestimmten Arbeiten aus Gründen des Arbeitsschutzes nicht einfach nur leicht bekleiden.

Roland Tober, Geschäftsführer des Interkommunalen Bauhofs Lahntal-Wetter-Cölbe, hat mit seinem Team über die Hitzewelle gesprochen und den Dienstbeginn derzeit um eine Stunde nach vorne, auf 6 Uhr, verlegt. So können die Mitarbeiter entsprechend früher am Tag Schluss machen. Auch an heißen Tagen seien allerdings schwere Arbeiten möglich, sagt er.

Doch sei es auch an den Mitarbeitern zu entscheiden, wie sie sich die Arbeit einteilen. Pausen können sie dabei so nehmen, wie sie sie brauchen. Auch sei es jederzeit möglich, mal früher Schluss zu machen, wenn man sich nicht mehr fit genug fühle. Das Arbeitsklima sei sehr gut, das nötige Vertrauen vorhanden. Und Tober sorgt auch für ausreichend Flüssigkeit: ­Mineralwasser wird den Mitarbeitern zur Verfügung gestellt.

In Cölber Verwaltung hat nur Bürgermeister keine Klimaanlage

Und was ist mit den Freiwilligen, die bei jedem Wetter in Schutzkleidung steigen, um andere zu retten? Zuletzt hatten die Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis ja ordentlich zu tun – gerade wegen der anhaltenden Hitze und Trockenheit wurden sie mitunter unter der sengenden Mittagssonne zu Einsätzen gerufen. „Getränke zur Erfrischung der Einsatzkräfte sind eigentlich standardmäßig auf jedem Fahrzeug dabei“, sagt Christian Koch, Sprecher der Freiwilligen Feuerwehren der Stadt Wetter. Gerade bei solchen Einsätzen wie am Dienstagmittag, als es bei drückender Hitze darum ging, einen Flächenbrand in einem trockenen Wäldchen zu löschen, habe man sehr darauf geachtet, diejenigen, die länger körperlich gefordert waren, auszutauschen, um ihnen eine Pause mit Trinkmöglichkeit zu geben.

Puh, ganz schön heiß! Wir zeigen Euch, wie sich die Marburger bei dieser Gluthitze abkühlen.

Für einen längeren Einsatz im Freien, etwa bei Flächenbränden und bei den gerade sehr heißen Temperaturen, nutzt die Feuerwehr im Gegensatz zu der Ausrüstung bei ­einem Hausbrand die leichtere Standardvariante der Feuerwehrjacke und -hose. Koch sagt dazu: „Sie hat einen höheren ­Tragekomfort durch ­geringeres ­Gewicht und eine gute­ Wasserdampfdurchlässigkeit. Sie besitzt trotzdem einen Schutz vor Strahlungswärme­ und Funkenflug durch ihre schwerentflammbaren Eigenschaften und das Vermeiden von Wärmebrücken. Je nach Einsatzlage und möglicher Gefahren reagiert die Feuerwehr aber auch flexibel mit einer kleinen „Marscherleichterung“ von der jeweiligen Schutzbekleidung, um zum Beispiel einer Hitzeerschöpfung vorzubeugen.“

Die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung Cölbe können ihrem Arbeitstag gelassen entgegensehen. Bis auf das Bürgermeister-Zimmer sind alle Büros mit einer Klimaanlage ausgerüstet. Als bei der Umrüstung klar war, dass ein Raum übrig bleibt, war für Bürgermeister Volker Carle klar, dass er zugunsten der Mitarbeiterbüros verzichtet. „Dafür steht jetzt meine Tür noch mehr offen als ohnehin schon“, sagt Carle.

von Götz Schaub

Hintergrund

Obgleich wohl viele Sonnenanbeter jubeln, dass ihnen das aus Südeuropa gewohnte Urlaubswetter gerade frei Haus geliefert wird, schlagen Experten einen sehr nüchternen Ton an. Es gebe viele Menschen, die die Gefahren, die von Sonne und Hitze ausgehen, sträflich unterschätzen.

„Heute sterben in Deutschland voraussichtlich mehr Menschen als sonst“, warnen beispielsweise die Malteser. Und das nur, weil heute der heißeste Tag der Woche sein wird. Und Hitze kann töten. Ab 37 Grad Celsius wird es kritisch, besonders wenn es schwül ist. Die Temperaturregelung des Körpers kann dann einfach überfordert werden.

Risikogruppen sind da vor ­allem ältere und kranke Menschen, aber auch Babys sind gefährdet. „Bei Säuglingen und Kleinkindern ist die Regelung der Körpertemperatur über das Schwitzen aufgrund der vergleichsweise geringen Körperoberfläche nur eingeschränkt möglich“, erläutert Dr. Rainer Löb, Bundesarzt des Malteser Hilfsdienstes.

Doch auch gesunde und austrainierte Menschen sollten nicht leichtsinnig werden. Menschen, die gerne joggen gehen, sollte sich genau überlegen, wann oder ob sie überhaupt an solchen Tagen laufen gehen. Ab Temperaturen jenseits der 25 Grad kann das nämlich auch für ihren Körper zu einer Belastung führen, die sich dann nicht mehr ausgleichen lässt.

Und dann sind da noch die Sonnenanbeter, die gerne stundenlang ohne Sonnenschirm und Kopfbedeckung einfach nur so da liegen und die Sonnenstrahlen aufsaugen. Auch dieses Verhalten ist höchst gefährlich. Dabei ist ein schmerzhafter Sonnenbrand noch fast das kleinere Übel. Kommen Hitzschlag und Sonnenstich hinzu, ist die Alarmstufe rot erreicht: Ohne ärztliche Behandlung drohen tatsächlich Hirn- und andere Organschädigungen, mitunter Koma und Tod.

Experten gehen mittlerweile­ davon aus, dass der Sommer 2003 aufgrund seiner Wärme und zusätzlicher Hitzewelle im August 70 000 Menschen in Europa mehr hat sterben lassen als üblicherweise. In Deutschland sollen es 7 000 Menschen gewesen sein, die der Hitzewelle zum Opfer fielen.