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Marburg Zwei Intendantinnen feiern Doppelpremiere
Marburg Zwei Intendantinnen feiern Doppelpremiere
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00:17 28.09.2018
Während die Schauspieler im Vordergrund bereits mit Elfriede Jelineks Text Machtverhältnisse und revolutionäre Strategien  erforschen, steht die Schillersche Elisabeth noch ein wenig verloren daneben. Quelle: Katrin Schander
Marburg

Die zwei neuen Intendantinnen, Carola Unser und Eva Lange, und die erste Premiere in deren erster Spielzeit in Marburg – das Publikum hatte allen Grund, gespannt zu sein. Bevor es losging im Erwin-Piscator-Haus, intonierte das ­gesamte Ensemble aber erst einmal „Willkommen, Bienvenue, Welcome“ – ein schöner und heftig beklatschter Einstieg.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies begrüßte die neue weibliche Doppelspitze des Theaters ganz offiziell und feierte das Theater in seiner Rede als Raum für Selbstreflektion und Selbstvergewisserung, als einen der letzten Orte, die sich nicht am Markt orientieren.

Schiller und Jelinek verdichtet auf drei Stunden

Einen ganz schön dicken Brocken servierte Eva Lange als ­Regisseurin dem Publikum bei ihrer ersten Premiere in Marburg. Schillers „Maria Stuart“ ist schon für sich genommen ein gewichtiges Drama, „Ulrike Maria Stuart“ von Elfriede Jelinek ein dichtes Geflecht aus sprachlichen Anspielungen und zeitgeschichtlichen Bezügen. ­Lange verdichtet beide Stücke auf drei Stunden, wobei Schiller viel Raum gegeben wird.

Bis zur Pause und noch ­eine ganze Zeit danach geht es um die beiden Königinnen Maria Stuart und Elisabeth, um ihr Ringen um Macht, um Entfremdung und Heuchelei. Und das enorm packend, lebendig und pointiert.

Der Konflikt zwischen der englischen Königin Elisabeth (Mechthild Grabner) und der von ihr eingekerkerten schottischen Königin Maria Stuart (Zenzi Huber) gipfelt in Schillers Drama in einer Entscheidung auf Leben und Tod: Wird Elisabeth, die sich durch Marias Thronanspruch bedroht fühlt, Gnade gegenüber der Rivalin walten lassen oder wird sie sie dem Henker überantworten?

Keine im 16. Jahrhundert verorteten Personen stehen auf der Bühne, sondern sehr ­heutige Frauen: leidenschaftlich und hochfahrend Maria, kühl und doch innerlich zutiefst unsicher Elisabeth. Um Macht geht es, und wie im richtigen Leben wollen da eine Menge Leute mitreden. Das Geschacher und Gefeilsche darum, was die richtige Lösung ist und wie man das Volk zufriedenstellt, erinnert fatal an ganz aktuelles politisches Geschehen – das Hin und Her der Lösungen, die moralische Biegsamkeit der ­Protagonisten sogar noch mehr. Heute mag es nicht mehr um Königreiche ­gehen – um Machterhalt, persönliche Interessen und das Aufrechterhalten des Scheins umso mehr.

Kluge Konzentration auf das Wesentliche

Die Darsteller bewegen sich in einem leeren, ­bunkerartigen Raum und tragen überwiegend schwarz (Bühne und Kostüme: Carolin Mittler), doch das Spiel ist prall, lebendig, komplett im Hier und Jetzt. Intensive Akteure, einige wohlgesetzte Momente, in denen die Inszenierung das Schillersche Drama aufbricht, kluge Konzentration auf das Wesentliche machen diesen Klassiker quicklebendig. Herausragend sind Zenzi Huber und Mechthild Grabner in den Hauptrollen, doch der erste Eindruck von den überwiegend neuen Schauspielern des Marburger Ensembles ist ein sehr guter.

Das setzt sich auch fort, als im letzten Drittel der fließende Übergang zum Stück der Literatur-Nobelpreisträgerin Jelinek kommt. Knallbunt wird es jetzt und die Mauern fallen. Flowerpower trifft auf Agitation, revolutionäre Grundstimmung auf intellektuellen Hochmut. Elisabeth und Maria sind jetzt die RAF-Terroristinnen Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, mittendrin in einer Gruppe von affektierten Selbstdarstellern. Auch hier geht es um Macht und um Konkurrenz, es klingt das gewaltige Versagen an, den großen Zielen und Theorien letztlich doch nur leere Gewalt entgegengesetzt zu haben. Auch diese Episode spielt schließlich im Gefängnis. Doch auch wenn sich das Ensemble die Seele aus dem Leib spielt, bleibt die Textcollage doch schwerer zugänglich – eventuell auch den deutlich über zwei Stunden Schiller zuvor und der späten Stunde geschuldet.

„Wir wollen dem Publikum inhaltlich und ästhetisch etwas zumuten und zugleich unterhalten“ hatten die beiden Intendantinnen eingangs gesagt – das ist mit dieser Premiere wirklich gelungen.

von Heike Döhn