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Marburg Asphalt im Wald „nicht mehr zeitgemäß“
Marburg Asphalt im Wald „nicht mehr zeitgemäß“
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00:17 29.07.2018
Ein Teil der Asphaltdecke in der Nähe des Nödelwegs. Auch die Waldtalstraße soll vom Asphalt befreit werden. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Der Wald ist wichtiger Wirtschafts- und Lebensraum, er hat zugleich Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion – das sagt schon das Hessische Waldgesetz (HWaldG). Also viele Funktionen und ­Interessensschwerpunkte, die durchaus miteinander kollidieren können. Welcher Nutzen wann überwiegen sollte – daran scheiden sich die Geister, wie der aktuelle Streit rund um den Waldwegebau zeigt. Speziell an der Waldtalstraße, die zurückgebaut werden soll, prallen verschiedene Meinungen aufeinander. Dies im Rahmen der anstehenden Sanierung der Wasserleitung durch den Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke (ZMW).

Ab Ende August soll die Straße gesperrt werden. Statt der bisherigen Asphaltdecke soll der Weg in Zukunft aus einer verdichteten Schotterschicht bestehen. Von verschiedener Stelle regte sich zuletzt Widerstand (mehr dazu unten), unter anderem kritisierte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) das Vorhaben, das die Waldwege „weniger fahrtauglich“ machen würde. Das empfinden auch viele Radfahrer und andere Nutzer der Wege rund um die Lahnberge so.

Waldtalstraße ist nicht Teil des Radwegenetzes

Im Rahmen der Debatte kristallisierten sich einige Ungereimtheiten rund um Nutzungsrechte und den tatsächlichen Status der Waldtalstraße heraus. Grundsätzlich gilt: Das Waldstück, um das es geht, ist ein FSC-zertifizierter Teil des Staatswaldes, also Eigentum des Landes und wird von Hessen Forst verwaltet. Die Aufgaben des Landesbetriebs sind in Paragraf 27 des HWaldG geregelt und bestehen unter anderem „aus einer ökonomischen und ökologischen Bewirtschaftung des Waldes“. Dazu zählt auch die Verwaltung der Waldwege.

Wie Hessen Forst auf Nachfrage mitteilt, ist die Waldtalstraße entgegen mancher Mutmaßungen nicht Teil des öffentlichen Radwegenetzes. „Im rechtlichen Sinne ist es ein Privatweg“, sagt Christian Korff, Revierförster von Bauerbach. Allerdings werde die Waldtalstraße im Radwegeverkehrsplan als „Fahrradroute auf die Lahnberge“ aufgeführt, wovon man erst kürzlich Kenntnis erlangt habe. Rechtlich bindend sei der Plan indes nicht, „ich verstehe die Kritik, aber wir sind nicht für die Radwegestruktur zuständig“, sagt Korff.

Sind die als privat deklarierten Waldwege damit zugleich der Öffentlichkeit verschlossen? Nein. Bundes- wie Landesgesetze erlauben ganz klar die Nutzung von Wegen im Wald, solange dort gerade keine Forstarbeiten stattfinden oder andere Gefahren bestehen. In Paragraf 15 HWaldG (2) heißt es: „Radfahren, Reiten und Fahren mit Krankenfahrstühlen ist im Wald auf befestigten oder naturfesten Wegen gestattet ...“.

Geschotterte Wege sind günstiger und ökologischer

Dies heiße indes nicht, dass der vorherige Zustand der Waldtalstraße nach den Bauarbeiten zwingend wieder hergestellt werden muss. „Das Land will zweckgebundene Wege für die Forstwirtschaft und auch für die Erholung“, erklärt Korff. Die noch bestehenden asphaltierten Strecken im Wald entstanden zudem „in einer ganz anderen Zeit – diese sind heute viel zu teuer und für unsere Zwecke nicht mehr zeitgemäß“. Geschotterte Wege seien kostengünstiger und ökologisch hochwertiger.

Der Revierförster sieht in der aktuellen Diskussion grundsätzlich „ein reines Verständigungsproblem“: Denn die umstrittenen Rückbau-Pläne seien nur durch die anstehende ­Erneuerung der Trinkwasserleitung durch den ZMW entstanden. Der Verband erhalte durch die entsiegelte Oberfläche, die am Ende der Maßnahme durch Hessen Forst entstehen soll, sogenannte Ökopunkte und habe­ zudem das übliche Genehmigungsverfahren durchlaufen. Den Plänen sei von allen Seiten zugestimmt worden, auch seitens der Stadt Marburg, so Korff. Es gehe dem Landesbetrieb allerdings nicht darum, sämtliche Wege umgehend zu entsiegeln, „wir bauen ganz sicher keine ­intakten Waldwege zurück“, versichert der Förster.

Hessen Forst hat nicht die Technik, um Asphaltwege anzulegen

Bevorzugt würden entsiegelte­ Flächen dennoch, alleine aufgrund der Vorgaben des Zertifizierungssystems FSC (Forest Stewardship Council). Dessen ökologischer Standard setze bestimmte Kriterien voraus, beim Wegebau etwa durch „standorttypisches Material und ökologisch verträgliche Mineralgemische – das schließt Asphalt im Prinzip aus“, meint Korff. Zumal Hessen Forst technisch gar nicht ausgestattet sei, Asphaltwege anzulegen. In der ­Regel werde daher Basalt aus der Region verwendet. Für eine bessere Befahrbarkeit soll die Strecke „noch besonders fein abgesandet und verdichtet werden“.

So manchem Kritiker reicht das nicht, viele Radfahrer wünschen sich den Erhalt der asphaltierten Strecke. Die doppelte Funktion des Waldes als Wirtschafts- und Erholungsraum bietet immer wieder ­Reibungspunkte. Das Gesetz gibt der ­Bewirtschaftung mehr oder weniger die Vorfahrt, private Nutzer von Waldwegen haben allerdings ebenfalls Rechte. Das Waldgesetz soll eigentlich ­„einen Ausgleich“ zwischen beiden Interessen im öffentlichen Raum schaffen, was anscheinend nicht in allen Fällen, zumindest nicht in diesem, funktioniert.

von Ina Tannert

Seit dem Beginn der Arbeiten am sogenannten Nödelweg nahe Ginseldorf, sorgt der Rückbau für Unmut. Nach der Marburger Linken schalteten sich die Ortsbeiräte aus Bauerbach und Waldtal, die BI Verkehrswende und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies in die Debatte ein.