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Marburg „Hereinspaziert in die Menagerie“
Marburg „Hereinspaziert in die Menagerie“
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21:28 14.05.2012
Die Männer werfen begehrliche Blicke auf Lulu (Alexandra Samouilidou, Mitte). Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. „Hereinspaziert in die Menagerie“ – so beginnt ein Tierbändiger den Prolog von Alban Bergs Zwölftonoper „Lulu“ nach Frank Wedekinds Tragödien „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“. Die Titelheldin stellt er als Schlange vor, „die Urgestalt des Weibes“, die sie begehrenden Männer als Tiger, Bär und Affe.

In der Inszenierung von Thomas Oliver Niehaus in Gießen sind dies Anzugträger, die als Kollektiv dem Objekt ihrer Begierde nachstellen, unterstützt von gesichtslosen Pappkameraden – und sich dabei ziemlich lächerlich machen. Bühnen- und Kostümbildner Lukas Noll übernimmt die Zirkuswelt des Prologs auch für die eigentliche Handlung, was in den zahlreichen Inszenierungen von Bergs unvollendetem Meisterwerk bereits in unterschiedlichen Varianten zu sehen war.

Neu ist allerdings die konsequente Schwarz-Weiß-Zeichnung in den ersten beiden Akten. Sie wurde möglicherweise inspiriert von der Fassung für 30-köpfiges Kammerorchester, die der Dirigent und Komponist Eberhard Kloke erstellt hat und die das Philharmonische Orchester Gießen unter der Leitung von Herbert Gietzen so präzise wie intensiv Klang werden lässt. Dieser wirkt wegen der Dominanz von Bläsern, Schlagwerk und einem hinzugefügten Akkordeon gegenüber den spärlich besetzten Streichern spröde und scherenschnittartig, ja sogar moderner als Bergs für 90 Musiker komponiertes Original in seiner überreichen, spätromantisch-sinnlichen Pracht.

Farbe in die ersten beiden Akte bringen weitgehend nur die Kostüme Lulus. Sie wechselt ihre Kleider immer so, wie die Männer sie in ihren Phantasien sehen wollen. Ihr erster Gatte stirbt an einem Herzinfarkt, als er sie mit einem anderen erwischt, der zweite schneidet sich die Kehle durch – und der dritte, der Machtmensch Dr. Schön und der einzige, den Lulu liebt? Den erschießt sie, als der Eifersüchtige sie zum Selbstmord zwingen will.

Im dritten Akt, den Kloke auf der Basis des von Berg hinterlassenen Materials zu Ende komponiert hat, kehren die drei Gatten zurück und nehmen Rache an der nun auf den Strich gehenden Lulu, wobei Dr. Schön in der Gestalt des Lustmörders Jack the Ripper nicht nur Lulu, sondern auch den einzigen Menschen tötet, der ihr wirklich aufrichtig zugetan ist: die Gräfin Geschwitz. Sie stirbt mit den Worten „Lulu, mein Engel“ einen geradezu romantischen Liebestod – ergreifend gesungen von der Mezzosopranistin Almerija Delic.

Das Stadttheater Gießen hat die Premiere von Klokes Kammerorchester-Fassung etwas vollmundig als Uraufführung deklariert – ein Begriff, der originären Werken vorbehalten ist. Einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem 1937 uraufgeführten Original hat die Bearbeitung: Sie deckt nie die Sänger zu, was der Textverständlichkeit zugute kommt, die in Gießen optimal ist. Alexandra Samouilidou ist nicht nur figürlich eine Idealbesetzung der Kindfrau Lulu. Sie meistert auch die stimmlichen Herausforderungen mühelos, wobei ihr jugendlich-weicher Sopran sogar in den kaum noch singbaren Höhen nie schrill klingt. Und sie besitzt enorme Bühnenpräsenz.

Weitere Aufführungen: 20. und 27. Mai,  14., 24. und 30. Juni jeweils ab 19.30 Uhr.

von Michael Arndt

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