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„Großhändler für verbales Leergut“

Kabarettherbst „Großhändler für verbales Leergut“

Das Urgestein des deutschen Kabaretts war am Mittwochabend zu Gast im KFZ. Fast zweieinhalb Stunden lauschten die rund 160 Besucher gebannt der anarchistischen Staatskunde von Henning Venske.

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Unermüdlicher Mahner und Aufklärer: Henning Venske war beim Marburger Kabarettherbst zu Gast im KFZ.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Verwunderlich ist, dass eher die ältere Generation im Publikum saß, denn Venskes Politsatire ist nicht weniger aktuell als in den Siebzigern. Damals galt der 1949 in Stettin geborene Schauspieler, Moderator, Regisseur und Autor bereits als gefeierter Satiriker, den auch Hausverbote der öffentlich-rechtlichen Sender nicht abhalten konnten, scharfzüngig seine Meinung kund zu tun.

Unter diesem Stern steht auch sein Programm „Satire – gemein aber nicht unhöflich“. Wissen, Witz und Dynamik vereinen sich an diesem Abend. Venskes intellektuelle Reflexionen über Politik, Religion und Gesellschaft lassen dem Publikum nur die Wahl zwischen Mitdenken oder Aussteigen – sich berieseln zu lassen ist an diesem Abend keine Option.

Dazu macht Venske einen einleitenden Ausflug ins alte Griechenland, etwa um mithilfe von Aristophanes und Perikles auf die Begriffe Satire und Demokratie einzugehen und um der Frage auf den Grund zu gehen, wie gegensätzlich Freiheit und Demokratie doch seien.

Auch die großen Dichter und Denker Goethe und Schiller kommen zu Wort. Nämlich um in Erinnerung zu rufen, wie wenig sie vom Nationalismus und der Engstirnigkeit, die dieser mit sich bringt, hielten. Satire von Venske wäre aber nicht das, was sie ist, wenn nicht auch Politiker und ihre Machenschaften zur Sprache kämen.

78-Jähriger hat die Energie eines jungen Mannes

So nennt er Andrea Nahles den personifizierten Teamgeist des Arbeitsmarktes, Martin Schulz einen, der zunächst als heiliger St. Martin auf der Bildfläche erschien und bald wieder in Vergessenheit geraten wird. Ursula von der Leyen erinnert ihn an eine leere Blumenvase, Thomas de Maizière würde wohl auch Jesus Christus abgeschoben haben und Cem Özdemir ist für Venske der grüne Großhändler für verbales Leergut. Nicht zu vergessen der langweilige Winfried Kretschmann, der laut Venske bei einer einigermaßen gelungenen Macbeth-Inszenierung vermutlich nicht einmal ein Gebüsch darstellen dürfe. Angela Merkels Wachstumsbeschleunigungsgesetz verglich er in seiner Wirksamkeit mit Frittenfett in der Festplatte.

Mit Blick auf die moralische Verwahrlosung der Politiker und ihren mangelnden Willen, das Volk zu vertreten, macht Venske zwei Vorschläge: Firmen­logos der Sponsoren auf die Anzüge und Kostüme zu nähen und eine leistungsbezogene Bezahlung, die sehr bald ein gesünderes Gleichgewicht herstellen werde.

Mit der Energie eines 29-Jährigen führt Venske durch den Abend, wechselt mühelos und mit gelungenen Übergängen von einem politischen oder religiösen Missstand in den anderen. Klärt auf, unterhält, regt an. Dabei amüsiert er das Publikum nicht nur, sondern erzeugt auch Stille im Saal, denn Venske spricht laut aus, was meist aus Etikette oder Ignoranz verschwiegen wird. Er klagt an und das auch, wenn das sehr unschön klingt. Das Publikum hängt dem 78-Jährigen an den Lippen und könnte ihm sicherlich noch stundenlang zuhören.

von Nigar Ghasimi

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