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Marburg Heimat ist, wo das Herz zu Hause ist
Marburg Heimat ist, wo das Herz zu Hause ist
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11:51 21.02.2018
Das Wissen der Welt gebannt in Büchern: Dr. Adnan Al-Toma in seiner eigenen „Bibliothek“, seinem Arbeitszimmer. Der Marburger hat eine bewegte Lebensgeschichte.  Der 76-Jährige lebt für die Wissenschaft. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Sein Arbeitszimmer gleicht einer Bibliothek. Die Regale reichen bis unter die Decke. Dicht an dicht stehen dort große Bücher, kleine Bücher, dicke Bücher, dünne Bücher. Sie alle gehören Dr. Adnan Al-Toma. Der 76-Jährige stammt aus dem Irak, ist seit 1990 deutscher Staatsbürger. Dafür hat er lange kämpfen müssen.

„Ich habe mein Leben Deutschland und Arabien gewidmet und versucht eine kulturelle Brücke zu schlagen“, sagt Adnan Al-Toma. Über 20 Bücher hat er geschrieben und veröffentlicht. Manche im Auftrag, manche allein. Einige von ihnen liegen auf dem Tisch vor ihm, die anderen stehen in den Regalen. Sie sind fast alle zweisprachig verfasst – auf Deutsch und auf Arabisch. Immer wieder springt er auf und sucht ein Exemplar in den Regalen. Es scheint, als würde er wahllos hineingreifen, aber er findet immer das Buch, über das er gerade spricht. Hinzu kommen über 1.000 Veröffentlichungen auf diversen Websites und wohl zehntausende Fotos, entstanden auf seinen Reisen.

Träume vom Vater

Er denkt oft an seinen Vater, der insgesamt 27 Kinder gezeugt hat. 16 mit seiner ersten Frau, von denen nur drei überlebt haben. Darunter Adnan Al-Toma. Der Verlust der Kinder sei „die Todesstrafe für meine Mutter“. Sie starb, als er elf Jahre alt war. Sein Vater suchte sich eine zweite Frau, die noch einmal elf Kinder gebar. „Mein Vater war ein ganz lieber, ich träume heute noch immer von ihm“, sagt er.

Seine Stiefmutter hingegen hat sein Leben gestört. 1963 kurz vor Weihnachten wollte er nach Amerika auswandern. Aber ein Freund, der in der Lahnstadt Medizin studierte, lotste ihn nach Marburg. Adnan Al-Toma erzählt von der Zugfahrt, auf der er eine türkische Familie kennenlernte und wie ihn der Schaffner mit seinem Fiat zur nächsten Haltestelle fuhr, weil der Auswanderer bei einem Kurzaufenthalt am Bahnhof in Belgrad die Weiterfahrt verpasste. „Ich habe in meinem Leben immer viele tolle menschliche Kontakte gemacht.“ An Heiligabend landete er in Marburg und wurde mit offenen Armen empfangen.

Der Weg führt in die DDR

Studentenpfarrer Hans-Gernot Jung nahm sich als erster seiner an und ließ seine Kontakte spielen. Adnan Al-Toma begann ein mehrmonatiges Praktikum bei der Elektrofirma Heinrich Gundlach und verblüffte den Chef ein ums andere Mal: „Der Araber, der kein Deutsch spricht, der unterrichtet uns“, soll er mal gesagt haben. Anschließend wechselte er zu den Stadtwerken und durchlief dort die verschiedensten Stationen. Gerne denkt er an die Zeit zurück und ist dankbar für die Unterstützung des damaligen Direktors Frankenberg.

Deutschunterricht in Bagdad

Nach drei Jahren war das Heimweh so groß und Adnan Al-Toma folgte dem Ruf seines Vaters und ging zurück in den Irak. Dort begann er ein Germanistik-Studium. Nach dem Bachelor wollte er zurück nach Deutschland. Aufgrund der unterbrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen dem Irak und der BRD ging er nach Halle in die DDR. Er beendete das Studium 1976 mit seiner Promotion.

Wieder geht er zurück nach Bagdad, unterrichtet dort an der Universität Deutsch, ist beliebt bei den Studenten und der Regierung um Saddam Hussein ein Dorn im Auge. Weil seine Familie Schiiten sind, mussten 38 von ihnen sterben. Ein Cousin und seine Kinder wurden bei lebendigem Leib mit Säure verätzt, die anderen qualvoll hingerichtet, sagt Al-Toma.

Anhänger von Hussein wollten ihn überreden, zu der Baath-Partei zu wechseln. Sie drohten ihm: „Wenn Du nicht in unsere Partei eintrittst, bist du unser Feind.“ Er wechselt nicht. „Diese Situation hat mich krank gemacht.“ Er verlässt Hals über Kopf den Irak. „Ein Land, das seine Kinder nicht bewahrt, sondern umbringt, ist nicht mein Land.“ Er holte sein Geld von der Bank, kaufte Flugtickets und ging zur kuwaitischen Botschaft. Als er im Flugzeug saß, „habe ich von oben symbolisch auf Saddam Hussein gespuckt und mir geschworen, dass ich niemals mehr in den Irak zurückkomme.“

Immer noch auf der Suche

Das ist jetzt fast 40 Jahre her. „Es ist nicht leicht für einen Menschen, sein Land zu verlassen. Ich liebe mein Land und Marburg. Es gibt keinen Menschen auf der Erde, der seine Heimat nicht liebt.“ Deswegen kann er die Flüchtlinge verstehen. Und auch die Reaktion von Angela Merkel, die die Grenzen öffnete. „Merkel hat das Richtige getan, aber zu übereilt.“

„Seinen“ Irak hat er sich in seine Marburger Wohnung geholt. Er hört Musik, liest Gedichte, schaut Fernsehen, telefoniert mit Verwandten, bringt seiner Frau Arabisch bei. „Man kann sich nicht entwurzeln. Aber wenn ich zurückgehe, dann werde ich sterben.“ So ist die Lahnstadt seine Heimat geworden. Er fühlt sich wohl, hat immer für die Wissenschaft gelebt. An der Philipps-Universität, an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und später als freiberuflicher Dolmetscher.

Ein alter Granada-Krug auf St.-Peter-Ording

Und immer wieder hält er Lesungen mit arabischen Gedichten, um den Deutschen seine Heimatliteratur näher zu bringen. Sie ist romantisch, blumig, herzerwärmend geschrieben, liest er sie vor, ist es fast wie Musik. Egal wo ich hingehe, suche ich Bibliotheken und Museen. Gott führt mich – irgendwie.“ Er sei kein Kaffeesatzleser, aber eine innere Ahnung sagt ihm immer, „wenn es irgendwo was Arabisches gibt. Geh dahin, da gibt es was für dich“, sagt ihm dann seine innere Stimme. Wie bei der Kur in St.-Peter-Ording, wo er einen alten Granada-Krug entdeckte und die alten arabischen Zeichnungen für das Museum interpretierte.

von Katja Peters