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Marburg Hausmusik – wie peinlich ist das denn?
Marburg Hausmusik – wie peinlich ist das denn?
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21:31 22.12.2011
Es muss nicht immer das klassische akustische Instrument sein – viele Jungen und Mädchen wünschen sich E-Gitarre und Verstärker. Keine Angst: Auch der lässt sich auf Wohnzimmerlautstärke herunterregeln oder gar mit Kopfhörern spielen. Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. Hausmusik zu Weihnachten. Da bekommt der  eine glänzende Augen, beim nächsten setzen Fluchtreflexe ein. Fakt ist: Das gemeinsame Musizieren in den eigenen vier Wänden wird wieder populärer – nicht anders ist zu erklären, dass es mittlerweile sogar einen offiziellen „Tag der Hausmusik“ gibt.

Winfried Baumbach hat eine recht logisch klingende Erklärung dafür, dass sich Geige, Klarinette und Flöte in deutschen Kinderzimmern durchaus wieder gegen Spielkonsolen und Barbiehäuser durchsetzen können. „Nach Jahren ausschließlicher Schallplattendidaktik wird mittlerweile im schulischen Musikunterricht wieder großer Wert auf das gemeinsame Musizieren gelegt“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Musikinstrumentenhersteller.

Die Schulen hätten verstanden, welch großen Stellenwert die praktische Auseinandersetzung mit einem Instrument hat: „Das schult das Sozialverhalten, baut Aggressionen ab und steigert die Konzentrationsfähigkeit.“ Schöner Nebeneffekt: Spielt der Filius Klavier, erinnert sich Papa eventuell daran, dass er ja auch noch eine Trompete im Keller hat. Die hat er zwar jahrzehntelang nicht mehr angerührt, aber man könnte es ja mal mit „Süßer die Glocken...“ probieren. „So kommen viele Eltern über die eigenen Kinder wieder zurück zur Musik“, freut sich Baumbach, der von einer regelrechten „Renaissance der Hausmusik“ spricht.

Michael Hüther vom Marburger Musikhaus am Biegen beobachtet denn auch, dass Eltern ihren Kindern häufig Gitarren schenken: „Die Gitarre ist viel schneller zu beherrschen als andere Instrumente, und sie eignet sich hervorragend zur Liedbegleitung.“ Hüther weiß auch, dass die Blockflöte nicht mehr das Einstiegs- und Übergangsinstrument Nummer eins zu sein scheint, obwohl er findet: „Richtig gespielt, klingt Blockflöte sehr schön.“

Doch wer ohne Rücksprache mit dem Musiklehrer und ohne entsprechende Interessensbekundungen des zu beschenkenden Kindes einfach mal ein Altsaxofon unter den Weihnachtsbaum legt, fährt ein hohes Risiko, dass das Präsent sehr schnell in einer sehr entlegenen Ecke der Wohnung landet. Auch das mit allem erdenklichen Schnickschnack ausgestattete und leicht unter dem Bett verstaubare Keyboard wird aus einem Anfänger keinen begnadeten Pianisten machen, wenn die Anschaffung nicht von fachkundigem Unterricht flankiert wird.

Spätestens, wenn der mit Tasten und Knöpfen alleingelassene Sohnemann herausgefunden hat, dass sich mit der Programmkombination 273  realistisches Maschinengewehrknattern simulieren lässt, fliegt das Notenbuch in die Ecke.

Es muss ja nicht unbedingt „Ihr Kinderlein, kommet“ sein. „Klar, die sogenannten Oldies werden schon immer wieder gern gespielt“, sagt Knut Kramer, Leiter der Musikschule Marburg: „Aber das Repertoire hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert, etwa durch weihnachtliche Weisen aus anderen Kulturkreisen.“

Und selbst, wenn am Ende das Interesse für die Musik wieder gegen null gehen sollte, ist das nicht der Weltuntergang, meint der Musikschulleiter: „Die Instrumente lassen sich meist gut weiterverkaufen, und den Zwang zum Musizieren sollte man sich verkneifen. Am schönsten wachsen die Kinder doch, wenn man sie gewähren lässt.“

von Carsten Beckmann

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