Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Hartes Marburg, mildes Kirchhain?
Marburg Hartes Marburg, mildes Kirchhain?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 08.12.2018
Gefängnis oder noch Bewährung? Eine Studie weist auf regionale Unterschiede in der Rechtsprechung hin. Quelle: Nicolas Armer/dpa / Symbolfoto
Marburg

Dr. Volker Grundies forscht als Physiker am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. In seiner aktuellen Analyse hat er 1,5 Millionen Urteile aus rund 8000 Gerichten verglichen und dabei nach eigenen Angaben regionale Unterschiede bei der Höhe der Strafe zutage gefördert. Anschaulich zeigt das eine Deutschlandkarte, in der Landkreise umso dunkler eingefärbt sind, je höher die Strafen ausfallen. Während im Norden helle Flächen überwiegen, sieht Südhessen wie Oberbayern fast schwarz aus.

Soll heißen: In weiten Teilen Norddeutschlands wird Grundies‘ Analyse zufolge eher mild sanktioniert; Oberbayern und Südhessen tendieren dagegen zu härteren Strafen. Für einen Raub bekommen Täter in Kiel beispielsweise im Schnitt ein Jahr und elf Monate, in Mainz sind es sechs Monate mehr.

Der Landgerichtsbezirk Marburg, zu dem neben den Gerichten im Landkreis auch die Amtsgerichte Frankenberg und Schwalmstadt gehören, ist laut Grundies im Großen und Ganzen unauffällig, sprich: Hier wird weder besonders hart noch besonders mild geurteilt.
Einziger Ausreißer sind Drogendelikte. Die Strafzumessung liegt hier elf Prozent über dem Bundesschnitt. Beachtenswert sind aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Amtsgerichten. So sanktioniert das Amtsgericht in Marburg im Schnitt deutlich härter als die in Biedenkopf und Kirchhain.

Studie

Dr. Volker Grundies hat in seiner Studie 1,5 Millionen Entscheidungen aus rund 800 deutschen Amts- und Landgerichten aus den Jahren 2004, 2007 und 2010 ausgewertet. Die mittlere Dauer der Strafen liegt bei 120 Tagen. Als Kriterium für die Strenge der Richter verwendete Grundies die sogenannte abstrakte Strafdauer. Sie blendet aus, ob ein Täter zu einer Geld- oder einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde; bei einer Geldstrafe zählt die Zahl der verhängten Tagessätze als Strafdauer.

Woher kommen solche Unterschiede? An der Schwere der Taten liege es nicht, auch nicht an den Vorstrafenregistern der Delinquenten, sagt Grundies. Diese und eine Reihe weiterer Faktoren, die für die Härte eines Urteils relevant sind, hat er in seinen Berechnungen berücksichtigt. Sein Befund: Vergleichbare Straftaten werden von Gericht zu Gericht zum Teil sehr unterschiedlich sanktioniert.

Das Thema ist nicht neu. Wie Grundies berichtet haben Wissenschaftler bereits vor 100 Jahren regionale Unterschiede in der Strafzumessung konstatiert. Spätere Untersuchungen schlugen in dieselbe Kerbe. Grundies Erklärungsansatz: Es gibt so etwas wie lokale Straftarife; Richter vergleichen ihre Fälle mit ähnlichen und haben dabei vor allem Urteile von Kollegen aus der Umgebung im Blick.

Grundies stützt seine These unter anderem auf eine Studie aus dem Jahr 1983. Demnach stehen Richter unter einem hohen Druck, die richtige Entscheidung zu treffen, wobei richtig vor allem bedeute, im Rahmen des Üblichen zu entscheiden. Dabei orientierten sich Richter nach eigenen Angaben an Urteilen ihrer Kollegen.

Richter: Urteile lassen 
sich nicht vergleichen

„Diese Orientierung dürfte sich aber hauptsächlich auf die nähere Umgebung beziehen, da Entscheide aus entfernten Regionen, abgesehen von öffentlich diskutierten Einzelfällen, kaum in größerer Zahl zur Kenntnis kommen werden“, sagt Grundies. Also gibt es tatsächlich so etwas wie Marburger Härte und Kirchhainer Nachsicht?

Dr. Marcus Wilhelm, Vorsitzender Richter am Landgericht Marburg, äußert Bedenken. Ihm scheint es zweifelhaft, ob man Verurteilungen selbst wegen ein und desselben Deliktes überhaupt miteinander vergleichen kann. Eine Strafe sei schließlich von der individuellen Schuld des jeweiligen Täters abhängig, sagt der Jurist.

Mehr als nur eine Handvoll Parameter

Vor Gericht zählen Wilhelm zufolge sehr viele Faktoren: Die verschuldeten Auswirkungen der Tat, die Beweggründe des Täters, sein Vorleben wie auch sein Bemühen, den Schaden wiedergutzumachen, und viele Faktoren mehr. Unterm Strich, konstatiert der Jurist, gleiche kein Fall dem anderen. Sein Kommentar zur Freiburger Studie lautet deshalb: „Mir scheint, dass man […] Äpfel mit Birnen oder zumindest große mit kleinen Äpfeln vergleicht.“

Mit dieser Einschätzung steht Wilhelm nicht alleine. Kirchhains Amtsgerichts-Direktorin Andrea Hülshorst wie auch Marburgs Amtsgerichts-Sprecherin Marité Dilling-Friedel teilen seine Bedenken, was die Vergleichbarkeit von Urteilen betrifft.

Ein Richter, der namentlich nicht genannt werden will, formuliert es so: „Ginge es nur darum, bei einer Handvoll Parametern ein Kreuzchen zu machen, bräuchte es keine Richter. Das könnte dann auch ein Computer erledigen.“

von Friederike Heitz