Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Harte Leberhaken für Emotionskrüppel

Kabarett Harte Leberhaken für Emotionskrüppel

Tina Teubner rief zur kabarettistischen Paartherapie, und Marburgs Paare kamen. Rappelvoll war‘s im KFZ, denn wer würde nicht gern wissen, was da so in Herrn Teubners Tagebuch steht?

Voriger Artikel
Rot-Grün will weiter Tempo 80 für Stadtautobahn
Nächster Artikel
In ehe-ähnlichem Arbeitsverhältnis

Die Kabarettistin Tina Teubner gastierte am Freitagabend mit dem Pianisten Ben Süverkrüp im ausverkauften Kulturladen.

Quelle: Thorsten RichterThorsten Richter

Marburg. Gar nicht so einfach, den Klippen und Kanten, den Tiefs und Krisen andauernder Zweisamkeit immer wieder die Stirn zu bieten und am Ende doch wieder zu wissen, dass man sich für immer und ewig lieben wird.

Katharsis ist der zauberhaft verkopfte Begriff für das, was Menschen – je nach Geschmacklage – dabei empfinden, wenn Mario Barth Zoten über „icke und meene Freundin, wa?“ absondert, Rüdiger Hoffmann die Dinge mit seiner Partnerin ausdiskutiert („Sie hat‘s dann auch gleich eingesehen …“) oder eben Tina Teubner sich die eine große Frage stellt, die so viele Frauenherzen bewegt: Warum bin ich ausgerechnet an diesem Kerl hängengeblieben und warum, zum Teufel, liebe ich ihn – bei all den Macken, Fehlern und Unzulänglichkeiten?

Nun, statt das fehlerhafte Modell an der Kasse zurückzugeben, tut‘s in minderschweren Fällen chronischer Partnerunzufriedenheit eben auch ein Besuch bei Tina Teubner, und für die therapeutische Wirkung eines solchen Abends kann Mann ihr gar nicht genug danken.

Das sympathischste an Teubner ist und bleibt, dass sie sich nicht darauf beschränkt, ihre Pointen allein auf jenen sattsam bekannten Klischees aufzubauen, nach denen Männer stinkende Kommunikationstrottel und Frauen hysterische Schuhfetischistinnen sind – darüber lacht schon lange niemand mehr so richtig herzhaft. Vielmehr widmet sie sich den Auswegen aus dem Paar-Dilemma, und da ist ihr ein handfester Krach oder ein aus Frust weggekipptes Glas Rotwein allemal lieber als das klärende sotto‑ voce-Gespräch liebesleidender Intellektuellen-Pärchen beim Tässchen Lindenblütentee.

Gesungen oder gesprochen – Tina Teubners Texte sind grundcharmante Appelle an kompromisslose Sinnlichkeit und gleichzeitg knallharte Leberhaken für vergeistigte Emotionskrüppel, die immer noch glauben, Herzschmerz wegdiskutieren zu können.

Ben Süverkrüp faltet seine nadelstreifenbetuchte Schlaksfigur wie gewohnt am Flügel zusammen und bietet der Kabarettistin die musikalische Stütze ihrer Couplets. Daneben ist er der klassische Watschenclown, der Teubners männerkrittelnde Sottisen mit dem Gleichmut des stärkeren Geschlechts hinnimmt. Außerdem hat Süverkrüp seine Show in der Show, wenn er fingerfertig und wortreich erklären darf, was Bach mit „Hair“ zu tun hat.

Auch wenn Tina Teubner eine achtbare Angela-Merkel-Parodistin sein mag – die Ausflüge in die Tagespolitik sind nicht die Glanzpunkte ihrer Programme. Eher schon ist sie ganz sie selbst, wenn sie über die Wiener Schauspieler-Schabracken herzieht und die Eitelkeiten des Hochkulturbetriebs entlarvt.

Doch über allem thront immer wieder die Zweisamkeit, und wenn die Säge schließlich „Guten Abend, gute Nacht“ singt und Teubners Zuhörer folgsam einstimmen, dann kann es eigentlich nur noch eine gute Nacht geben in Marburgs Betten – ob mit Rotwein, mit Liebe oder nur mit süßen Träumen.

von Carsten Beckmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg