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Marathon-Mann spielt vier Stunden

1000 Fans sehen Hagen Rether Marathon-Mann spielt vier Stunden

Hagen Rether ist der Marathon-Mann unter den Kabarettisten. Am Samstag war er wieder einmal live im Erwin-Piscator-Haus zu erleben. Schwerstarbeit für ihn - und die 1000 Zuhörer.

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Hagen Rether mit Bananen am Flügel: Er ist der Marathon-Mann des deutschen Kabaretts. Vier Stunden lang sprach er über den Zustand der Welt.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. „Geile Halle!“ Zwei Jahre ist Hagen Rether nicht in Marburg gewesen. Das letzte Mal hat er noch im Audimax gespielt, jetzt bewundert er das neue Erwin-Piscator-Haus. „Da lohnt sich doch der Soli.“ Ja, was denn? „Thüringen ist doch hier um die Ecke.“ Und der Osten sei inzwischen auch in Bayern, sagt der Kabarettist. „Der Osten ist überall.“ Erst mal wird ein bisschen Ruhe reingebracht. Lange Pausen zwischen den Sätzen. Rether flüstert. Da kauften sich Leute Bücher über den Wald, nur weil sie Sehnsucht nach Ruhe hätten.

"Da kommen wir nicht mehr hin"

Nach 20 Minuten Programm stellt er dann fest, dass er ja eigentlich noch gar nicht angefangen hat. Nach 22 Uhr, wie viel Text er immer noch vor der Brust hat. „Ob ich das vor zwei durchkriege?“ Wenn bei ihm die Pause beginnt, machen andere Kabarettisten Feierabend. Und: „Jesses, zehn vor zwölf“ – da fragt Hagen Rether dann sicherheitshalber mal nach, ob er nicht lieber auf der Stelle Schluss machen soll. Aber: „Da kommen wir später noch zu.“ Im Verlauf des langen Abends wird daraus immer öfter: „Da kommen wir nicht mehr hin.“

Es gibt aber auch so viel zu beklagen. Vom Waffenhandel über das Prostitutionsgesetz bis hin zu „von Männern für Männer gemachte“ Religionen. „Glasfaservertreter“ Lindner und die „semmelblonde germanische Schrankwand“ Trump inklusive. Die Welt ist in Schräglage, diagnostiziert Hagen Rether.

„Wir Neandertaler mit dem Laserschwert in der Hand“

Die ganze Zeit über sitzt er auf einem Bürostuhl neben dem Klavier. Und so sehr er sich im Lauf des Abends immer wieder zurücklehnt und fläzt, so aufrecht ist seine innere Haltung. Dass sein Programm einfach immer weiter „Liebe“ heißt und jedes Mal aktualisiert wird, spricht Bände. „Tagesaktuell“ sein, das sieht er allerdings nicht als seine Aufgabe, wie er erklärt. Er ist schließlich nicht bei der Zeitung. Aufs Tapet wird gebracht, was ihn beschäftigt. Aber Vorsicht: „Es ist nur ein kurzer Weg zwischen Rosinen picken und Korinthen kacken.“ Und Gerhard Schröder, der den Drecksjob in Russland macht, ist für ihn nicht jemand, den man sympathisch findet. Was denkt eigentlich so ein Familienvater aus Baden-Württemberg, der bei einem Rüstungsunternehmen arbeitet, wenn er den „Weltspiegel“ sieht? Und warum gibt es eigentlich keine Meldepflicht für Freier, die zu Prostituierten gehen? Das sind Fragen die Hagen Rether stellt.

Sorgen ums Schamgefühl

Er macht sich keine Sorgen um die Meinungsfreiheit, sondern um das Schamgefühl. Das Internet – nein, das sei nicht schuld am Zustand unserer Welt. Aber es sei ein „zu brillantes, wirkmächtiges Medium, als dass wir es haben dürften“. Wir, die „Neandertaler mit Laserschwert in der Hand“. In der Schule sollte es die Unterrichtsfächer „veganes Kochen“ und „gewaltfreie Kommunikation“ geben, findet der Kabarettist.

72 Jungfrauen mit Zahnspangen

Und bevor dauernd andere Schuldige gesucht würden, sollte der Blick auf den Haufen „unerledigte Ethik“ vor den eigenen Füßen gelenkt werden. Gegen das, was unsere Großeltern getan hätten, sei der IS „ein Montessori-Kindergarten“, so Rether. Wie so vieles andere versteht er übrigens auch nicht, was es mit den 72 Jungfrauen auf sich hat, die im Paradies warten sollen. „Lass die mal alle Zahnspangen kriegen!“ Und morgens im Bad dürfte es auch länger dauern.

Nach drei Bananen noch ein bisschen Klavier

Noch so eine Schräglage: Früher sagte man Zigeuner und die Menschen durften bleiben, heute heißen sie Sinti und Roma, werden aber abgeschoben. Wir bräuchten Lehrer und Altenpfleger, machten uns aber Gedanken, dass Metzger arbeitslos würden, wenn wir uns vegan ernährten. „Und? Es gibt heute auch keine Kutschenbauer mehr.“ Dass Donald Trump US-Präsident geworden ist, das war für Hagen Rether absehbar. Überrascht habe ihn der Brexit. Manchmal habe man halt nicht recht mit seinen Vorhersagen.

Am Schluss, nach drei Bananen, spielt Rether dann noch ein bisschen Klavier, endet mit Michael Jacksons „Earth Song“ und gibt den 1000 Menschen im ausverkauften Erwin-Piscator-Haus mit auf den Weg, sie sollten gut zu ihren Kindern sein. Es gibt vereinzelt stehende Ovationen, der Applaus ist herzlich, aber lang wird er nicht, nachdem zuvor bereits immer wieder Besucher gegangen waren. Marathon-Kabarett ist Schwerstarbeit.

von Nadja Schwarzwäller

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