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Marburg Häschen im selbstauflösenden Biokäfig
Marburg Häschen im selbstauflösenden Biokäfig
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20:51 01.10.2009
Musikalischer Dauerbabbler: Gerd Knebel. Quelle: Claudia Weber

Marburg. Wir Hessen sind ja eigentlich friedliebende Menschen. Sicher auch Gerd Knebel. Der Südhesse, besser bekannt als „Headbanger“ des Comedy-Duos „Badesalz“, wirkte, als er am Mittwochabend die Bühne des Marburger KFZ betrat, in seinem lässigen Freizeitlook zunächst wie der nette Onkel von nebenan.
Schnell wurde jedoch klar, dass es einiges gibt, was den guten Kerl „uffregt“. Bei seinem Solo-Programm „Um was geht-s hier eigentlich?“, mit dem er seit 2006 durch Deutschland tourt, nutzte er die Gelegenheit, den Choleriker in seinen Bühnenfiguren herauszulassen.

Potenzielle Bluthochdruck-Kandidaten sind für Gerd Knebel beispielsweise Beamte, Mütter und Radiospielgewinner. Bei Letzteren droht hörbar schon der Kollaps aus Freude über einen noch so mickrigen Gewinn. Regelrecht Angst bereiten Schnellsprecher Knebel Mütter in der U-Bahn, die mit der unstillbaren Neugier ihres Nachwuchses konfrontiert sind. Verzweiflung kommt auf, wenn Klein-Simon wissen will, warum der Mann neben ihm keine Haare hat. „Verkauft“, würde Glatzkopf Knebel antworten, und in Zeiten von Ebay wäre der Quälgeist damit ruhig gestellt. Für nach einem Haustier quengelnde Kinder sieht er nur die Lösung des Eintagshäschens im selbst auflösenden Biokäfig, das so lange hält wie die Begeisterung des Juniors.

Das plärrende Kind stellte Knebel mit pulsierender Halsschlagader ebenso überzeugend dar wie den Beamten der Duschwasserregulierungsbehörde, der per Geruchstest über die Vergabe eines Duschscheins zu entscheiden hat. Als Gegenentwurf zu all diesen Hitzköpfen brachte der Kabarettist den Tresenhocker Günther, der ohne Bildung und mit Gelassenheit bei allen politischen Fragen auch nur zu dem Schluss kommt: „Kannste nix mache.“

Ein paar mehr Ideen hat Gerd Knebel da schon. Gegen jugendliche Amokläufer empfiehlt er „präservative Maßnahmen“ oder einen Sprachtest, damit die Grundschüler schon wissen, dass mit „Du alte Schwuchtel“ der Lehrer gemeint ist. Als Lektüre legt er den Zuhörern das „Jugendsprachlexikon“ und „Liebesbriefe an Adolf Hitler“ nahe (gibt es wirklich!).

Zur Vorbeugung von Gewaltverbrechen genügt für ihn der Blick nach oben, da alles Böse ja offensichtlich aus heiterem Himmel kommt. Für die Opelmitarbeiter schlägt er, mit leuchtend roter Nase und überdimensionaler Brille, einen staatlich geprüften Clown als Seelentröster vor.

Gegen den Handywahn ist auch der haarlose Hesse machtlos, doch stellte er die Auswüchse plastisch als Vieltelefonierer mit Restguthaben auf der Intensivstation dar, getreu dem Motto: „Ich hab noch was druff.“

Darüber, dass Gerd Knebel auch ohne seinen Badesalz-Kollegen Henni Nachtsheim „was druff“ hat, waren sich die rund 150 begeisterten Zuschauer im KFZ schnell einig. „Ich hätte nicht gedacht, dass er so politisch ist“, freute sich etwa Carmen Waldorf, die mehr Klamauk erwartet hatte, über die sozialkritischen Themen und die Überspitzungen. Achim Klinger beschrieb das Programm: „Schnell und hektisch, kreuz und quer, aus dem Leben.“

Schnell und hektisch, das übersetzte André Heinrichs, mit 14 Jahren einer der Jüngsten im Publikum, in Jugendsprache: „Wohl zu viel Red Bull getrunken.“

Nur so lässt es sich erklären, dass der talentierte Musiker Knebel nach über zweistündigem Dauergebabbel auf Hessisch als Zugabe auch noch voller Elan in die Saiten seiner Gitarre haute, mit den Marburgern im Chor rockte und sie zum Headbangen animierte. Wenn demnächst der Schlachtruf „Waltraud, machste mal vier Schoppe!“ durch die Oberstadt schallt, dann sind das noch die von Gerd Knebel verordneten Stimmübungen.

von Claudia Weber