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Haarige Füße, großer Hunger

Vor 75 Jahren erschien "Der Hobbit" Haarige Füße, großer Hunger

Jeder neue Trailer wird in Fan-Foren gefeiert wie eine Offenbarung, dabei kommt die Verfilmung von J.R.R. Tolkiens „Der Hobbit“ erst im Dezember ins Kino. Am 21. September vor 75 Jahren erschien das Kinderbuch. Ein Porträt der kleinen Helden.

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Eine Szene aus Peter Jacksons Film „Der Hobbit“, der im Dezember in die Kinos kommt. „Herr der Ringe“-Regisseur will gleich drei Teile drehen.Foto: Warner Bros.

Marburg. J.R.R. Tolkien hat seine Welt Mittelerde mit allerlei fantastischen Geschöpfen bevölkert: Edle Elben, knurrige Zwerge, mutige Menschen, garstige Orks. Einer Spezies aber vertraut er die wichtigsten Aufgaben an: In „Der Herr der Ringe“ ist es an Hobbit Frodo, den Ring und die Macht des Tyrannen Sauron zu zerstören. Sein Onkel Bilbo Beutlin setzt in „Der Hobbit oder Hin und Zurück“ seine Künste als Meisterdieb ein, um den Konflikt zwischen Zwergen und Elben zu lösen. Man könnte also meinen, diese Hobbits müssten muskelbepackte Hünen sein, die das Frühstück durch ein Krafttraining ersetzen.

Weit gefehlt. Hobbits werden auch Halblinge genannt, weil sie nur halb so groß sind wie Menschen. Sogar noch kleiner als Zwerge. Statt Größe haben sie behaarte Füße. Sie kleiden sich vor allem in Grün und Gelb, womit sie gegen das Modeideal des klassischen Fantasy-Helden verstoßen. Der trägt Schwarz. Hobbits leben in komfortablen Höhlen im Auenland, einer saftigen Landschaft aus Hügeln und Bächen. In dieser Gegend sind die Schwerter meist stumpf, und die Schilde dienen als Baby-Wiege. Hobbits legen Wert auf Höflichkeit. Wegen ihrer konservativen Ader halten sie „verwegen“ für ein Schimpfwort. Welchem Helden ist es schon peinlich, dass ihm nach der haarscharfen Flucht vor mordlustigen Orks Knöpfe am Mantel fehlen? Bilbo Beutlin.

Man könnte also denken, Tolkien hätte keinen unpassenderen Helden finden können. Was im Übrigen zunächst auch die Zwerge denken, als sie mit Bilbo losziehen, um Schatz und Thron vom Drachen Smaug zurückzuerobern. Doch verteidigt ihn der Zauberer Gandalf mit den Worten: „An Bilbo Beutlin ist mehr dran, als ihr ahnt.“

Einiges haben die Hobbits den anderen Geschöpfen von Mittelerde voraus: Sie können sich „nachts im Wald absolut geräuschlos bewegen“, sich gut verstecken und orientieren. Bilbo hat bessere Augen als seine Gefährten und ist ein Meister im Rätselraten. All diese Eigenschaften teilen die Hobbits mit der Schreckensgestalt Gollum, dem Bilbo den magischen Ring stiehlt.

Korrumpiert von der Macht des unsichtbar machenden Schmuckstückes lebt Gollum auf der Nachtseite von Mittelerde. Dieser Einzelgänger ist das dunkle Zerrbild der Hobbits - und war einmal einer von ihnen. Allein seine Existenz beweist, dass die Halblinge mehr sind als ein harmloses Völkchen mit gutmütigen Gesichtern.

Weshalb aber nun sind Hobbits die besseren Helden? Jonas Wolf widmet dieser Frage in seinem Buch „Alles über Hobbits“ ein ganzes Kapitel. Tolkien vermittle in seinem Kinderbuch die Lektion, dass das naive Beharren auf das Gute auch des Kleinsten im Anblick einer Übermacht zum Erfolg führe.

Wolf zählt vier Prinzipien auf, die das hobbitsche Heldenideal ausmachen: „Bau auf die Freundschaft!“, „Gib niemals auf!“, „Mach das Beste aus deinen Möglichkeiten!“ und - „Genieße die Annehmlichkeiten des Lebens“.

Klar, Bilbo rettet die Zwerge, statt sich selbst in Sicherheit zu bringen, er zeigt Ausdauer und nutzt sein Improvisationstalent - am wichtigsten ist jedoch der letzte Punkt. Denn die größte Angst der Hobbits ist es, eine ihrer sieben täglichen Mahlzeiten zu verpassen: Frühstück, zweites Frühstück, 11-Uhr-Imbiss, Mittagessen, Tee-Zeit, Abendessen und Nachtmahl. Im „Hobbit-Kochbuch“ (Heel Verlag) des fiktiven Autoren Beregil von Gondor heißt es gar: „Eigentlich kreisen ihre Gedanken nur um die nächste Mahlzeit, und was man davor noch alles zu sich nehmen kann.“ Auch dem Alkohol sind Hobbits nicht abgeneigt, und das Blasen von Rauchkringeln ist der einzige Sport, in dem sie sich für gewöhnlich messen.

Vielleicht liegt gerade im Hang der Hobbits zu Genuss und Vergnügen der Schlüssel zu ihrem Erfolg: Ist es nicht weit motivierender, nach einem bestandenen Abenteuer wieder ins kuschelige Heim zurückzukehren, als wie die klassischen Helden im Kampf zu sterben? Nebenbei erhöht der Hedonismus der Hobbits auch ihr Identifikationspotenzial. Das galt auch für den Autor. „Ich bin selber ein Hobbit“, sagte Tolkien einmal. „Ich liebe Gärten, Bäume und Ackerland ohne Maschinen. Ich rauche Pfeife, esse gern gutbürgerlich und verabscheue die französische Küche.“

Christina Scull, Wayne G. Hammond: „Die Kunst des Hobbit. Alle Bilder von J.R.R. Tolkien“, Klett Cotta, 144 Seiten, 29,95 Euro.Jonas Wolf: „Alles über Hobbits“, Piper, 368 Seiten, 12,99 Euro

von NIna May

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