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Marburg Demut hilft Kamerun und dem UKGM
Marburg Demut hilft Kamerun und dem UKGM
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00:20 01.09.2018
Dr. Max Leßle (rechts) und Prof. Dr. Boris Stuck haben eine Kooperation zwischen dem UKGM in Marburg und Kamerun ins Leben gerufen. Quelle: Katja Peters
Marburg

Bei seinem Einsatz in Afghanistan hat der Hamburger Dr. Max Leßle 2007 einer Einheimischen ihr Gesicht zurückgegeben, wie sie selbst sagt. Sie hatte nach einem Dolchangriff ihres Mannes schwere Gesichtsverletzungen erlitten und nach mehreren Operationen schreckliche Narben zurückbehalten. Der Experte für Hals-Nasen-Ohr-Heilkunde und plastische Chirurgie stellte ihr Gesicht ein Jahr nach dem Angriff wieder vollständig her.

Darüber spricht Max ­Leßle im OP-Interview gar nicht. 
Dabei stellt Dr. Boris Stuck, ­Direktor der Klinik für Hals-, ­Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum in Marburg (UKGM), den Hanseaten als großartigen Spezialisten vor, der „seit Jahren auf höchstem Niveau praktiziert“. Max Leßle kam im letzten Jahr zunächst als Honorarkraft ans Marburger Universitäts­klinikum.

Ein bescheidener Zeitgenosse

Zu dem Zeitpunkt herrschte an der HNO-Klinik eine angespannte Personal­situation, so Stuck. Er hatte erst im April die Leitung übernommen (OP berichtete) und baute sein Team komplett neu auf. „Herr Dr. Leßle hat uns in dieser Zeit ganz stark und hoch ­engagiert geholfen. Ohne ihn hätten wir in dieser Zeit die Versorgung kaum aufrechterhalten können.“

Der Norddeutsche lacht und winkt ab. Er bleibt bescheiden, trotz seines beeindruckenden Lebenslaufes als Arzt bei der Bundeswehr mit einer Reihe von Auslandsaufenthalten.

Und auch nach dieser Zeit bei der Bundeswehr zog es ihn – zumindest zeitweise – immer ­wieder ins Ausland. Vor acht Jahren reiste er das erste Mal nach Kamerun. Mittlerweile verbringt 
er jährlich etwa neun Monate als Chefarzt am ­Hôpital ­Protestant Ngaoundéré im Norden des 
Landes, wo er die Abteilung 
für Kopf-Hals-Chirurgie und Plastische Ope­rationen aufge­baut hat.
„Eine Versorgung im ­Bereich HNO gab es in den Nord­provinzen von Kamerun nicht, bevor wir an­fingen, uns um die Patienten zu kümmern“, erklärt

Hohe Anforderungen an Pfleger in Kamerun

Max Leßle. Mit „wir“ meint er seinen Verein „HNO für Kamerun“, den er zusammen mit ein paar weiteren Enthusiasten vor fünf Jahren gegründet hat. In Kamerun ist er Chefarzt, 
hat etwa 240 Operationen im Jahr und 900 Erstkontakte. „Das ist so viel, dass ein Mehr eigentlich gar nicht mehr geht“, resümiert er.

Wenn er nicht vor Ort ist, ist die HNO-Abteilung in Ngaoun­déré nur eingeschränkt tätig. Das Pflegepersonal versorgt in dieser Zeit die Akutfälle. Max Leßle sagt dazu: „In Kamerun werden höhere Anforderungen an die Schwestern und Pfleger gestellt. Sie müssen dort viel mehr Aufgaben übernehmen, als das hier in Deutschland der Fall ist.“

Möglich macht das ein intensives Training, wenn er vor Ort ist. So steht beispielsweise das Versorgen von Nasenbluten oder das Entleeren eines Abszesses unter Narkose für das Pflegepersonal in Kamerun auf der ­Tagesordnung. Schwierigere Fälle übernimmt er dann ab September wieder selbst.

„Er ist eine absolute Bereicherung für unser Haus“

Die afrikanischen ­Patienten nehmen zum Teil ­tagelange und kilometerweite ­Anfahrten in Kauf, um von dem deutschen Spezialisten behandelt zu werden. Auch über die Landes­grenzen hinaus hat sich der gute Ruf seiner Klinik schon herumgesprochen.

In der Zeit, in der er nicht in Kamerun tätig ist, ist er nun als Facharzt an der HNO-Klinik Marburg fest angestellt. Mit dem Geld, das er hier verdient, kann er sein Projekt in Kamerun weiter ausbauen; vor allem aber kann er sein Wissen und seine Erfahrungen an die Studenten und jungen Ärzte am UKGM weitergeben. „Er ist eine absolute Bereicherung für unser Haus“, lobt Boris Stuck und 
fügt hinzu: „Auch seine Lebenserfahrung tut unserer Abteilung gut.“

Ziel ist regelmäßiger Austausch mit Kamerun

Durch die Kooperation besteht für die Marburger Nachwuchskräfte die Möglichkeit, in Kamerun Erfahrungen zu sammeln. Eine Medizinstudentin habe ­bereits vier Monate während ­ihres praktischen Jahres am Hôpital Protestant Ngaoundéré gearbeitet, so Stuck. „Dort sehen sie auch mal was anderes als nur die High Tech Medizin von 
Deutschland“, sagt Max Leßle, der sich über die Kooperation mehr als freut: „Früher standen wir völlig allein, auf einmal ist da das UKGM im Hintergrund.“

Diese Unterstützung ermöglicht auch die Entwicklung langfristiger Projekte vor Ort. Boris Stuck hofft, dass in Zukunft auch mal ein Arzt aus Kamerun nach Marburg kommen kann, um sich hier weiterzubilden: „Unser Ziel ist ein regelmäßiger Austausch, der beide Seiten voranbringt“, so der Klinikdirektor.

Sozialfonds für Patienten ohne Geld

In all den Jahren in Afrika hat Max Leßle vor allem eins zu schätzen gelernt: „Das deutsche Gesundheitssystem. Wenn man in Ländern wie Kamerun arbeitet, dann schaut man demütiger auf das System hier in Deutschland, trotz seiner Schwächen.“

In Kamerun müssen alle Behandlungen oder ­Operationen bar bezahlt werden. Je nach ­finanziellen Möglichkeiten verhandelt Max Leßle die Kosten mit den Patienten. Für die, die gar nichts haben, hat er einen Sozialfonds eingerichtet, der dann die Kosten übernimmt.

Irgendwann will Max Leßle die Klinik mal komplett in die ­Hände der Kameruner geben. Wie lange das noch dauern wird, 
das weiß er nicht – vielleicht fünf, vielleicht zehn Jahre. Ob er sich dann zur Ruhe setzt? ­Vorstellbar ist das nicht.

von Katja Peters