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Marburg Angst vor Zerstörung der Lahnauen
Marburg Angst vor Zerstörung der Lahnauen
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12:06 25.05.2018
Wird der Uferbereich der Lahn rund um das „Grüner Wehr“ auf Jahrzehnte beschädigt? Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Manfred Ritter war einst Leiter der städtischen Denkmalschutzbehörde und ist heute einer der Hauptgegner des Bauvorhabens am „Grüner Wehr“ in Weidenhausen. Warum eigentlich? Das OP-Interview.

OP: Ganz grundsätzlich: Wieso engagieren Sie sich für den Erhalt des „Grüner Wehr“?
Manfred Ritter: Von 1973 bis 1994 habe ich maßgeblich an der Sanierung der historischen Altstadt mitgewirkt und von 1994 bis 2019 war ich für den Denkmalschutz beim Magistrat zuständig und habe mich intensiv für die Rettung, Erhaltung und Wiederherstellung von Kulturdenkmälern in der gesamten Stadt eingesetzt.

So schlägt mein Herz als alteingesessener Marburger für meine Heimatstadt und insbesondere für ihre gebaute Geschichte. Deshalb engagiere ich mich für die Erhaltung und denkmalgerechte Sanierung des „Grüner Wehr“, weil es sich bei der geplanten Baumaßnahme nicht um eine tatsächliche Sanierung – also ein „gesund machen“ – handelt, sondern um den Abbruch und damit die Zerstörung des für Marburg bau- und sozialgeschichtlich sehr bedeutsamen „Grüner Wehr“ von 1553.

Eine Sanierung des Wehrs im Bestand und Anlage einer Fischtreppe in naturnaher Bauweise wie am Afföller Wehr – 
ohne Borstenfischpass-Betonrinne – erfüllen absolut die denkmalschutzrechtlichen Kriterien und werden von mir unterstützt. Und das ist auch nach dem ‚Gutachten‘ von 2008 über den baulichen Zustand der Wehranlage nachweislich uneingeschränkt möglich.

OP: Welche Bedeutung hat das Wehr aus bauhistorischer Sicht?
Ritter: Die erste Wehranlage wurde um 1250 errichtet, um zwei Mühlen zu betreiben, die zunächst dem Deutschen Orden gehörten und an Müllerfamilien verpachtet wurden. Diese Mühlen waren für die Entwicklung der Stadt, so auch für die Versorgung der Bevölkerung und damit auch für die wirtschaftliche Blüte der Stadt, von großer Bedeutung.

Foto: Thorsten Richter

Die zur Betreibung der Mühlen notwendige Wehranlage zum Aufstauen der Lahn gehört in ihrer historischen Bausubstanz bau- und sozialgeschichtlich untrennbar zueinander und bildet eine städtebauliche und stadtbildprägende Einheit. Die heutige Wehranlage wurde 1553 in massiver Bauweise mit großen Sandsteinquadern neu errichtet, nach einem Extremhochwasser, das die nicht so stabil gebaute Wehranlage aus der Zeit um 1250 zum Einsturz gebracht hatte.

Bei diesem Hochwasser ist auch die erste Steinbogenbrücke, die um 1250 errichtet wurde – die Weidenhäuser Brücke – eingestürzt und musste neu errichtet werden.

1777 wurde die Wehranlage noch einmal verstärkt und ist in ihrer historischen Grundsubstanz bis heute erhalten geblieben und erfüllt trotz der Spuren der Geschichte und der Zeit standhaft ihre zugedachte und nach wie vor notwendige Aufgabe als Stauanlage, auch wenn die Mühlen als solche schon lange nicht mehr in Betrieb sind.

OP: Der Denkmalschutz ist erfahrungsgemäß ein eher stumpfes Schwert: Welche Alternativen zum bisher von der Stadt geplanten Vorgehen gibt es?
Ritter: Ein deutliches Nein! Der Denkmalschutz ist kein stumpfes Schwert, wenn die Bestimmungen des Hessischen Denkmalschutzgesetzes auch entsprechend angewendet und ernst genommen werden. Das ist die Aufgabe des Magistrats, der Stadtverwaltung, hier der Unteren Denkmalschutzbehörde. Die gesetzlichen Bestimmungen haben allem Anschein nach bei der hoheitlichen ‚Entscheidung‘ der Unteren Denkmalschutzbehörde, die im Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Marburg, erfolgte, die Abbruchgenehmigung zu erteilen, keine Beachtung gefunden. Die Stadt, die Vorbildcharakter in Sachen Denkmalschutz gegenüber der Öffentlichkeit hat, erteilt sich selbst bei ihren ,eigenen‘ Kulturdenkmälern die Genehmigung, hier die Zerstörung dieses bedeutsamen Kulturdenkmals.

Was sollen die Bürger, die ebenfalls ein Kulturdenkmal besitzen und die gesetzlichen Bestimmungen zu beachten und einzuhalten haben, davon halten? Als ehemaliger Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde hätte ich den Abbruchantrag des Fachdienstes Tiefbau nicht genehmigt und dafür gesorgt, dass ein neues qualifiziertes Gutachten von einem Sachverständigen erstellt wird, der Referenzen bei der Begutachtung von historischen Wasserbauwerken vorweisen kann, um darauf aufbauend eine Planung für eine denkmalgerechte Sanierung in Auftrag zu gegeben.

OP: Wie schätzen Sie die Auswirkungen der aktuellen Pläne – die auch den Uferbereich betreffen – ein?
Ritter: Damit sind erhebliche Eingriffe in das Flussbett und die Uferbereiche am Trojedamm und damit in die gesamte Lahn‑
aue zwischen Hirsefeldsteg und DLRG verbunden. Ursache hierfür sind die umfangreichen Trockenlegungs- und Abbrucharbeiten an der bestehenden Wehranlage und die noch umfangreichen Gründungs- und Betonierarbeiten, die auch in die Tiefe des Flussbettes gehen für den Neubau der Wehranlage.

Weil durch die geplanten baulichen Anlagen – unter anderem ein 60 Meter langes, zwei bis sechs Meter breites Podest sowie ein zwei Meter ins Flussbett eingelassener, 60 Meter langer, sechs Meter breiter Borstenfischpass – der Lahnquerschnitt laut Wasserrichtlinien nicht eingeengt werden darf, muss der Trojedamm von der Hirsemühle bis zur DLRG-Station um zirka sechs Meter in Richtung Northampton-Park verlegt werden.

Das bedeutet, dass auch die Linden, laut Stadtverwaltung etwa 15 Stück, in diesem Bereich gefällt werden müssen. Das begrünte Lahnvorland und die Böschung des Trojedammes zwischen Wehr und DLRG-
Station würden dabei auch beseitigt. Dazu kommen noch die Eingriffe in die Lahnaue zwischen „Aquamar“ und Wehr durch die notwendige Baustellen-Andienung und -Abwicklung mittels provisorischer Baustraße sowie eines Abstell- und Lagerplatzes für Baugeräte und Material. Deshalb müssen auch überwiegend Bäume und Sträucher im Lahnvorland zwischen Hirsefeldsteg und Wehr weichen.

Zudem werden durch die Baustellenabwicklung auch die Kiesbänke und damit das gesamte Flussbett vor dem Wehr in einer Fläche von mindestens 
50 mal 70 Metern vollständig zerstört, denn auch vor dem Wehr, auf der gesamten Länge, muss der Bereich als Fahrstraße und Bewegungsebene trockengelegt und befestigt werden, um das Wehr abzubrechen und in Betonbauweise neu zu errichten, denn die Lkw müssen bis an die Baustelle heranfahren können. So auch die Baumaschinen für die Errichtung der Spundwände, die Bagger zum Ausheben der Baugrube, die größer als das Betonbauwerk selbst sein muss.

Also erhebliche Eingriffe in das gesamte Flussbett oberhalb und unterhalb des Wehrs in das Flussbett. Welche Auswirkungen das alles für die Flora und Fauna im Flussbett und Lahnvorland und damit für die Lahn‑
aue auf mindestens zwei Jahre Bauzeit und darüber hinaus hat, kann sich jeder Laie ausmalen.

Bis die Lahnaue im Bereich des Wehrs wieder so sein wird, wie wir sie heute kennen und schätzen sowie erleben und genießen dürfen, werden voraussichtlich Jahrzehnte vergehen. Bei einer behutsamen Sanierung im Bestand könnten diese schweren Eingriffe in die Lahnaue vermieden werden.     

von Björn Wisker

Umbau nur nach Parlamentsentscheidung?

Der Wehr-Workshop an diesem Samstag soll nach dem Willen der Grünen-Fraktion nicht das Ende, sondern der 
Anfang der Bürgerbeteiligung und eines grundsätzlich neuen Bauplanungsprozesses sein.

Für das Sanierungsprojekt soll ein Parlamentsvorbehalt verankert werden, so dass eine nach der Bürgerbeteiligung modifizierte Planung der Stadtverordnetenversammlung vorgelegt und verabschiedet werden muss. Erst nach einem Ja der Parlamentsmehrheit dürfe das Bauvorhaben vom Magistrat auf den Weg der Genehmigung gebracht werden.

BI erkennt Workshop nicht an

Das fordern die Grünen in einem Dringlichkeitsantrag an das Stadtparlament. „Mit parlamentarischer Kontrolle kann gewährleistet werden, dass die Ergebnisoffenheit des Beteiligungsverfahrens auch tatsächlich stattgefunden hat“, begründen Madelaine Stahl und Christian Schmidt den Antrag.

Eine solche formelle Einbeziehung der Gremien nach Abschluss des Wehr-Workshops hat auch der Ortsbeirat Weidenhausen in einer Resolution gefordert. Grundsätzlich verlangen sowohl die Grünen als auch Ortsbeirat und Bürgerinitiative bei der Bürgerbeteiligung nach einer Ergebnisoffenheit dieser. Während in der Kommunalpolitik dazu Skepsis herrscht, erkennen vor allem die Aktivisten der Bürgerinitiative das Workshop-Format gar nicht als Beteiligung an.

Grüne fürchten Vertrauensverlust

Ihr Vorwurf: Seitens des Magistrats gebe es klare Festlegungen zu dem Projekt, etwa die Anerkennung der grundsätzlichen Baufälligkeit samt Abriss- und Neubau-Umsetzung. Zudem sei ein Workshop laut Hessischer Gemeindeordnung nicht vorgesehen – im Gegensatz zu einer Bürgerversammlung.

Werde keine Ergebnisoffenheit garantiert, gehe weiteres Vertrauen verloren, heißt es von den Grünen. Vielmehr müssten die Ergebnisse des Workshops am Samstag in die Folgeplanungen zum „Grüner Wehr“ eingebunden und erneut öffentlich präsentiert und diskutiert werden. Ähnlich äußerte sich Weidenhausens Vize-Ortsbeiratschefin 
Stephanie Theiss, die anregte, dass dem Workshop Vertiefungs-Termine folgen sollten.

  • Stadtparlamentssitzung: diesen Freitag, 25. Mai, ab 16.30 Uhr im Sitzungssaal Barfüßerstraße 50. Workshop zum „Grüner Wehr“: Samstag, 26. Mai, von 9 bis 12 Uhr in der Kaufmännischen Schule.

von Björn Wisker

2500 Bürger sind zum Wehr-Workshop eingeladen. Archivfoto: Nadine Weigel