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Marburg Großes Theater in „kleiner komödie“
Marburg Großes Theater in „kleiner komödie“
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19:52 04.10.2010
Fürchtegott Hofer (Peter Radestock, rechts) hat es mit seinen Recherchen offenbar ein wenig zu weit getrieben – jetzt setzt ihm Maximilian Friedrich Korbes (Stefan Gille) die Pistole auf die Brust. Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. Seine Aktentasche hält Fürchtegott Hofer fest umklammert. So, wie er sich sein ganzes Leben an seinem miserablen Job als Buchhalter bei der Firma Oechsli festgeklammert hat. Und er hält diese Tasche so fest umklammert, weil er jetzt als Pensionär darin ein Dokument bei sich trägt, das ihm für den Rest seines Lebens finanzielle Unabhängigkeit sichern soll.

Da schneit er also herein bei Maximilian Friedrich Korbes: Hofer, der kleine, linkische Kriecher, der die große Abrechnung plant: Dem großen, dem skandalumwitterten und daueralkoholisierten Dichter Korbes, dem Dichter- und Weiberhelden will Hofer, der Inbegriff Schweizer Spießermittelmäßigkeit, die Rechnung präsentieren. Jahrelang hat er hinter Korbes hergeschnüffelt, seine bescheidene Pension ausgegeben für bescheidene Pensionszimmer in all den Orten, an denen Korbes in Luxussuiten abstieg und, in Saus und Braus lebend, an neuen Romanen arbeitete – wie auch immer.

Ob das gut ausgehen kann für den kleinen Buchhalter, wenn er den großen Korbes um Geld angeht und ihm als Gegenleistung zusichert, die Polizei nicht am Ergebnis seiner Recherchen teilhaben zu lassen? Immerhin hat er nicht weniger ermittelt, als dass der Schriftsteller all die von ihm erfolgreich beschriebenen Morde auch selbst begangen haben muss. Der glänzend aufspielende Peter Radestock und sein Bühnenpartner Stefan Gille haben einen dankbaren Stoff für ihre erste gemeinsame Produktion in „radestocks kleiner komödie“ auf dem Marbacher Kulturgut „Vino Nobile“ gewählt. Dürrenmatts ruhiger, fast beiläufiger Dialogfluss, der hintergründig-bissig daherkommende Witz und eine sich erst im zweiten gedanklichen Nachfassen eröffnende Moral zeichnen die „Abendstunde im Spätherbst“ aus.

Stefan Gille ist die Figur Korbes’ auf den Leib geschrieben – ein bis in die letzte Faser konsequenter Nihilist, dem man wenig Argumente entgegenzusetzen hat, wenn er die Behauptung aufstellt, dass er letztlich deshalb zum Massenmörder wurde, weil sein Publikum nichts anderes von ihm erwartet. Hellseherisch entwarf Dürrenmatt in seinem Hörspiel aus den 50er Jahren das Bild eines kranken Kulturbetriebs, der nach ständigen Tabubrüchen verlangt.

Auf tragische Weise erfolglos verläuft für den Pensionär Fürchtegott Hofer die „Mission Impossible“ im Arbeitszimmer des zu allem entschlossenen Schriftstellers. Wesentlich erfolgversprechender dürfte – nach dem Premierenapplaus zu urteilen – die „Mission Possible“ für den Pensionär Radestock auf seiner neuen Bühne sein: „radestocks kleine komödie“ wird sich vermutlich schnell als fester Spielort für intelligentes Boulevardtheater, für unterhaltsame Kleinkunst und für ein charmantes Miteinander von Kultur und kulinarischem Lebensstil etablieren können.

Am 7., 8. und 22. Oktober finden weitere Aufführungen von „Abendstunde im Spätherbst“ statt. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Karten unter: radestocks-kleine-komödie@arcor.de oder telefonisch unter 0 64 21 / 98 88 59.

von Carsten Beckmann