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Marburg Grün für Fußgänger, Grün für Autos
Marburg Grün für Fußgänger, Grün für Autos
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07:02 26.04.2018
Grün für Fußgänger, Grün für Autos: knifflige Situation für Verkehrsteilnehmer. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Wer hat die Situation in der Marburg nicht schon erlebt: Die Fußgängerampel springt auf Grün, man läuft los und springt auf halber Strecke zurück, weil ein abbiegendes Auto mit quietschenden Reifen vor einem hält. Hinterher stellt sich dann heraus, dass auch der Pkw-Fahrer „grün“ hatte.

„Feindliches Grün“ nennen das Verkehrsexperten im Jargon: der martialische, aber vielfach zutreffende Begriff bezeichnet die Situation an Ampeln, an denen sowohl Fußgänger und Radfahrer als auch Autofahrer als Rechts- oder Linksabbieger eine Grünphase haben.

Die Frage ist dabei nicht, wer Vorfahrt hat – das ist eindeutig geregelt: Vorfahrt hat, wer nicht abbiegt. Ist eindeutig, wird in Marburg auch dadurch signalisiert, dass die abbiegenden Pkw oder Lkw durch einen Gelbblinker gewarnt werden.

Im Stadtgebiet gibt es mehrere Kreuzungen, an denen der Verkehr durch Ampeln mit „feindlichem Grün“ geregelt wird, ­etwa:

  •  die Kreuzung Cappeler Straße/Beltershäuser Straße/Südspange
  •  die Kreuzung Bahnhofstraße/Rosenstraße/Robert-Koch-Straße
  •  die Kreuzung Schwanallee/Leopold-Lucas-Straße

Die Straßenverkehrsbehörde begründet die Einrichtung solcher Verkehrsregelungen mit der Leistungsfähigkeit der Kreuzung. Dass das „feindliche Grün“ für Radfahrer und Fußgänger gefährliche Situationen hervorrufen kann, ist auch der Verwaltung bewusst.

Sie nennt ein solches Grün für Fußgänger „bedingt verträglich“. Es werde nur dort eingesetzt, wo dies „aufgrund der örtlichen Voraussetzungen und der Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit des Verkehrs, insbesondere auch des ÖPNV, unbedingt notwendig ist.“ So steht es in einer Vorlage für eine Antwort des Magistrats auf einem Berichts­antrag von Bündnis 90/Die Grünen über „gleichgeschaltete Ampeln“ in der Innenstadt.

In Darmstadt hatte es Ende­ November, so berichten die ­Grünen, an „gleichgeschalteten“ Ampeln zwei tödliche ­Verkehrsunfälle durch rechtsabbiegende Lkw und Pkw ­gegeben. „Der ungestörte und 
zügige Flow für Autos und Lkw“ sei der Grund für solcherart ­geregelten Kreuzungsverkehr. Auch Henning Köster, verkehrspolitischer Sprecher der Linken, kritisiert: Solche Kreuzungen seien ein Zeichen dafür, dass 
die städtische Verkehrspolitik Pkw und Lkw klar Vorrang gibt.

Auch Beinahe-Unfälle werden gemeldet

Was geschieht, wenn an viel befahrenen Kreuzungen kein „feindliches Grün“ zur Verkehrsregelung eingesetzt wird, ist beispielsweise an der Kreuzung Cölber Straße/Am Kaufmarkt/Tom-Mutters-Straße zu besichtigen. Hier kommt es für alle Verkehrsteilnehmer zu langen Wartezeiten.

Dennoch: „Es sollte nicht leichtfertig darauf angelegt werden, noch mehr Menschenleben zu verlieren“, sagen die Grünen in ihrem Berichtsantrag. Ampeln mit feindlichem Grün seien nicht mehr zeitgemäß.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies weist darauf hin, dass bei jeder Verkehrsplanung auch Radverkehrsbeirat, Stadtwerke und der Regionale Verkehrsdienst der Polizei mit einbezogen werden. Spies appelliert im OP-Gespräch aber daran, dass Beinahe-Unfälle bei der Stadt gemeldet werden. „Nur wenn wir davon erfahren, können wir reagieren.“

Grünen-Abgeordneter Hans-Jürgen Seitz fordert „intelligente Lösungen“ wie eigene Radfahrerampeln. Spies erwähnt, dass es an wichtigen Kreuzungen bereits eigene Aufstellflächen für Radfahrer gebe, etwa drei bis fünf Meter vor der Stopplinie. Dadurch sollen Unfälle, die im „Toten Winkel“ von abbiegenden Autos entstehen, unwahrscheinlicher werden.

von Till Conrad