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Marburg Gleich zwei Meister der leisen Töne
Marburg Gleich zwei Meister der leisen Töne
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21:07 03.11.2010
Steven Isserlis (Violoncello) und Ian Brown (Klavier) nehmen am Dienstagabend in der Stadthalle ihren verdienten Applaus in Empfang. Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Mit dem Begriff „Sternstunde“ sollten Kritiker sparsam umgehen. Als Resümee des Duo-Abends von Steven Isserlis und Ian Brown in der Stadthalle Marburg führt jedoch kein Weg vorbei an diesem Superlativ.

Dass Brown ein Meister der leisen Töne ist, hatte er beim Konzertverein bereits 2007 und 2009 mit Mozart-Klavierkonzerten gezeigt. Ein idealer Partner also für Isserlis, der am Dienstag erstmals in Marburg gastierte. Denn auch der Weltklasse-Cellist verzichtet gänzlich auf virtuoses Imponiergehabe, lässt die Musik von innen heraus glühen.

Beglückend offenbarte sich dies gleich in der c-Moll-Sonate von Camille Saint-Saëns. Deren packende Dramatik ging unter die Haut, gerade weil Isserlis und Brown sie immer knapp unter dem Siedepunkt brodeln ließen, musizierend von Seelenqualen erzählten, die keine Erlösung kennen – und etwas Trost nur im choralartigen Mittelsatz mit seinen Anklängen an das Lied „Der Mond ist aufgegangen“.

Auch in Benjamin Brittens dritter Suite für Violoncello solo wagten die 500 Zuhörer kaum zu atmen – so in sich gekehrt und mit einer überwältigenden Fülle von Zwischentönen ließ Isserlis die neun pausenlos miteinander verbundenen Miniaturen erklingen. Die russische Melancholie kommt nicht von Ungefähr, hat Britten die Suite doch für Mstislav Rostropovich komponiert und deshalb Liedmelodien aus dessen Heimat verarbeitet.

Bei Gabriel Fauré fand Isserlis auf seinem Stradivari-Cello zu leuchtendem Gesangston, mied in „Romance“, „Élégie“ und „Berceuse“ (Wiegenlied) jeden Anflug von romantischer Sentimentalität. Gefühlsintensität erwuchs vielmehr aus der großen Kunst kammermusikalischer Zurücknahme in Verbindung mit subtiler Nuancierung. Brown oblag die Rolle des dienenden Begleiters, der er sich mit Feingefühl hingab.

In Ludwig van Beethovens A-Dur-Sonate jedoch musizierte der Pianist wieder wie schon bei Saint-Saëns mit Isserlis auf Augenhöhe. Freies melodisches Strömen in völliger partnerschaftlicher Gleichberechtigung bestimmt dieses Meisterwerk. Und so war es ein Hochgenuss zu hören, wie feinsinnig Isserlis mit seinem schlank federnden Cellospiel auf Browns mühelos perlende Anschlagskultur einging – und umgekehrt.

Für den nicht enden wollenden Applaus bedankten sich Isserlis und Brown mit einer Romanze von Saint-Saëns und der Cellist allein mit der gezupften „Serenata“ aus Brittens erster Cello-Suite. Den vom Konzertverein überreichten Blumenstrauß warf der sympathische Weltstar einer der jüngsten Zuhörerinnen in der zweiten Reihe zu, einem etwa acht Jahre alten Mädchen.

Wer Isserlis in naher Zukunft hören möchte, hat dazu am 18. November in der Alten Oper Frankfurt Gelegenheit.

von Michael Arndt

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