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Glanzvoll und mit sonorer Wärme

Konzert Glanzvoll und mit sonorer Wärme

Unter der Leitung von Betin Günes begeisterten das Orchester und der Pianist Ilya Rashkowsky am Mittwoch das Publikum in der Stadthalle Marburg – und geizten nicht mit Zugaben.

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Der Pianosolist Ilya Rashkowsky spielte unter anderem Tschaikowskys 1. Klavierkonzert.

Quelle: Brock

Marburg. Was auf den ersten Blick auffiel: Im Staatlichen Sinfonieorchester Istanbul musizieren mindestens genauso viele Frauen wie Männer, das Konzertmeisterpult ist sogar fest in weiblicher Hand. Davon können sich die hoch subventionierten deutschen Orchester mindestens eine Scheibe abschneiden. Unter der Leitung des in Köln lebenden gebürtigen Istanbulers Betin Günes hinterließen die Musikerinnen und Musiker vom Bosporus in Marburg auch akustisch einen nachhaltigen Eindruck.

Zum Auftakt widmeten sie sich mit vorwärtsdrängendem Elan einem Werk ihres Dirigenten, der auch ein außerordentlich produktiver Komponist ist. Seine 8. Sinfonie von 2001 ist Programmmusik. Sie thematisiert, wie der 52-Jährige selbst sagt, die Befreiung der Türkei durch Atatürk und die Gründung der Republik Türkei. Der letzte Satz mit dem Titel „Azeri“, übersetzt: „Zwölfsechzehntelrhythmus“, den Günes in der Marburger Stadthalle dirigierte, ist eine Art Freudentanz: sehr rhythmusbetont durch das tonangebende groß besetzte Schlagwerk samt Klavier und in den eingängigen Melodien auch volkstümlich gestimmt.

Mitreißendes Vorspiel zu Peter Tschaikowskys 1. Klavierkonzert. Dieses beim Konzertverein zuletzt vor elf Jahren gespielte „Schlachtross“ lässt sich kein Pianist von Rang entgehen, auch wenn es jedem von ihnen nicht nur im übertragenen Sinn den Schweiß auf die Stirn treibt. Nichts davon bei dem 25-jährigen Russen Ilya Rashkowsky. Mit einer kurzen, fast schüchternen Verneigung zum Publikum und dem Augenschein nach seelenruhig, nahm er vor dem Flügel Platz, meißelte ohne sichtbare Anstrengung die mächtigen Akkorde des ohrwurmartigen Konzertbeginns aus den Tasten und kannte auch im weiteren Verlauf keine Konditionsschwäche.

Im Gegenteil: Sogar noch die donnernden Oktaven kurz vor der Finalstretta meisterte er nicht nur mit jugendlichem Feuer, sondern auch mit einer technischen Tadellosigkeit, die dem Publikum den Atem raubte. Vom Orchester unter Günes einfühlsam begleitet, ließ Rashkowsky aber auch die lyrischen Facetten des b-Moll-Konzertes farbenreich schillern. Für die Ovationen der 700 Zuhörer bedankte er sich mit je einem solistischen Bravourstück aus den Études-tableaux op. 39 von Sergej Rachmaninow und den Etüden op. 8 von Alexander Skrjabin.

Was schon bei Tschaikowsky zu erkennen war, wurde noch deutlicher in der 4. Sinfonie von Johannes Brahms: Das Staatliche Sinfonieorchester Istanbul ist vom Klangcharakter her vergleichbar mit den Orchestern in Österreich, Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Musiziert wird zwar glanzvoll, aber nie einseitig auf Hochglanz poliert, sondern immer mit sonorer Wärme. Das kam der e-Moll-Sinfonie des gebürtigen Hamburgers und Wahlwieners Brahms besonders zugute.

Günes achtete bei seiner feurig-bewegten, hochdramatischen Wiedergabe auch darauf, dass das Knorrige, norddeutsch Ruppige nicht unter den Teppich gekehrt wurde. Das Publikum feierte die Musikerinnen und Musiker mit lang anhaltendem Applaus und erhielt als Zugabe eine Tarantella des türkischen Komponisten Ferrit Türzün, die ein schmissig-witziges Trompetensolo enthält.

von Michael Arndt

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