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Marburg Große Wasserflut riss die Brücke weg
Marburg Große Wasserflut riss die Brücke weg
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00:17 12.11.2018
Die Weidenhäuser Brücke wird momentan saniert. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Am 10. Januar liefen viele Marburger zur Weidenhäuser Brücke“, begann der Kieler Geschichtsprofessor Gerhard Fouquet im Hessischen Staatsarchiv seine Schilderung der großen Marburger Flutkatastrophe von 1552.  „Man nutzte die arbeitsfreie Zeit des Sonntags zum ‚Gaffen’, weidete sich auf der Brücke am Zerstörungswerk des Hochwassers“, so Fouquet. Das Wasser habe seit heftigsten Regenfällen am 8. und 9. Januar bereits links der Lahn in der Vorstadt Weidenhausen und rechts des Flusses im Stadtteil Am Grün gestanden.

Fast ein Dutzend Todesopfer

Dann zitierte der Referent aus den beiden überlieferten Augenzeugenberichten, zunächst den Weidenhäuser Schuhmacher Heinrich Engel: Um die Mittagszeit seien Schreie eines alten Mannes vom Ufer her gehört worden. „Dem lief entgegen von der Brück/ Viel Volks zu, das war sein Glück,“ denn kurz danach seien die Mittelteile der Brücke eingebrochen. Der zweite Augenzeuge, ein Marburger Anonymus, machte den heftig einsetzenden Regen dafür verantwortlich, dass viele Schaulustige die Brücke verließen, um vom Ufer aus unter schützenden Dächern das außergewöhnliche Schauspiel der Naturgewalten zu erleben, berichtete Fouquet.

Der Kieler Geschichtsprofessor Gerhard Fouquet bei seinem Vortrag in Marburg.

Jedenfalls war es wohl der Brückenbogen nach Weidenhausen hin, der als Erster den Fluten nachgab und einbrach. Der unbekannte Marburger hörte­ „den schall und fall der brechenden brucken“ und sah „den staub uffgehen und das wasser ubber sich springen.“ Darauf folgte, wie er weiter berichtet, der mittlere Brückenbogen samt dem Pfeiler, worauf sich das „heuslein“, die ­öffentliche Toilette, befand. Den Schluss der gespenstischen Szene markierte der anschließende Bogen zur Kernstadt hin, den es so zerrissen habe, als ob „eyner ein wilt auseynander denete.“ Einige Marburger, der Anonymus nennt „ungeferlich 10 oder 11“, die auf der Brücke neugierig ausgeharrt hatten, wurden bei deren Einsturz mit in den ­tosenden Fluss gerissen.

Wiederaufbau erfolgte bis zum Jahr 1555

Danach ging Fouquet auf den Wiederaufbau der Brücke 1552 bis 1555 ausführlich ein. Durch die Auswertung von Ratsprotokollen sowie der vielen ­erhaltenen Rechnungsbücher mit Sonderrechnungen konnte­ er ein genaues Bild dieses für Marburg wichtigen Brückenneubaus des 16. Jahrhunderts zeichnen.

Der Wissenschaftler gab in diesem Zusammenhang auch einen kurzen historischen Abriss der Brückenbauwerke und betonte, dass die Geschichte der Weidenhäuser oder „Langen Brücke über die Lahn“ in Marburg bereits vor der großen Flutkatastrophe am 10. Januar 1552 als „eine Folge von Schadensereignissen“ beschrieben werden könne.

Bereits 1250 ist ein „pons lapideus“, eine steinerne Brücke, bezeugt. Hochwasser der Lahn rissen 1342, 1472 und 1475 immer wieder Steine an den Pfeilern los und beschädigten das Bauwerk. Die teilweise eingestürzte Brücke musste zwischen 1497 und 1500 saniert, Fundamente ausgebessert, die Fahrbahn neu gepflastert, „die Brücke gleichsam neu gebaut werden“.

Drei Jahre hat der Wiederaufbau gedauert

Während der in ganz Mitteleuropa hochwasserreichen 1530er-Jahre mussten dann 1531, 1538 und 1539 größere­ Ausbesserungen vorgenommen werden. Sogar Dämme wurden gebaut, „um Brückenpfeiler zu stabilisieren, die Wasser und Eis ‚zubrochen‘ hatten“. Die „grosse wasserflut“ vom Januar 1552 habe das allerdings alles in den Schatten gestellt, so Fouquet. Der Wiederaufbau erfolgte dann nach der kurzfristigen Schaffung eines Provisoriums bis 1555. Der Vollständigkeit halber seien hier auch der erneute Einsturz des Mittelteils der Brücke 1763, dessen Überbrückung durch eine Holzkonstruktion und der Komplettabriss 1891 kurz erwähnt.
Der Neubau der Brücke 1891/92 wiederum ist es, der momentan durch seine zeitaufwendige Komplettsanierung Schlagzeilen macht.

Brücke war bei Einsturz erst rund 50 Jahre alt

Mit den Worten: „Und wer weiß, wann die Sanierung der Weidenhäuser Brücke abgeschlossen sein und was in Zukunft noch alles kommen wird“, schloss Gerhart Fouquet seine detailreichen einstündigen Ausführungen. „Die Errichtung von Brücken gehörte nach den Kirchen zu den teuersten ­Unternehmungen des vielfach ­erforschten vormodernen Bauens.“ So beschrieb es Fouquet gleich zu Beginn seines Vortrags. Zugleich betonte er, dass dies durch die Bedeutung vieler Brücken für das städtische Leben sowie als öffentliche Orte zur Inszenierung von Macht und Recht durchaus erklärbar erscheint.

Fouquet machte klar, dass Brückenbauten „hervorgehobene Orte städtischer Topographie, zugleich aber auch die meist ­gefährdeten Bauwerke im Stadtgebiet“ waren.
Als weiteren Hauptfaktor neben den eindrucksvoll beschriebenen „Unbilden der Witterung“ nannte der Referent „die Unzulänglichkeiten des Menschlichen“. Für den „stets unsicheren Faktor ‚Mensch‘“ gab er dann einige Beispiele: So dokumentierten Zeitgenossen bereits für die Basler Rheinbrücke 1457 grobe Fehler beim Fundamentbau. Auch die Weidenhäuser Brücke in Marburg wies 1552 bei ihrem Einsturz erst das zarte Alter von 52 Jahren auf.

Der Experte beschrieb in seinem Vortrag im Landgrafensaal des Staatsarchivs eindrucksvoll, wie „Schlamperei bei der Errichtung von Brücken und jahrzehntelange Vernachlässigung“ ihren Verschleiß beschleunigten und noch heute beschleunigen.

von Kristina Lieschke