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Marburg Fluchtgeschichte verbindet zwei Familien
Marburg Fluchtgeschichte verbindet zwei Familien
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00:17 28.02.2019
Rotraut Urff und ihr Ehemann Alfred wollen der algerischen Flüchtlingsfamilie, die seit der gescheiterten Abschiebung Mitte Januar bei Anna Radke wohnt, helfen. Den Anfang hat eine Kinder-Bettwäschen-Spende gemacht. Warum? Weil auch die alte Marburger Kaufmannsfamilie eine bewegende Fluchtgeschichte hat. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Ihre wachen Augen werden wässrig. Die Stimme bricht. Den Kopf dreht sie hektisch von links nach rechts und zurück, um wenigstens zu versuchen, ihre Tränen zu verbergen. Es ist, als ob sie versucht, die Emotionen abzuschütteln. Aber Rotraut Urff schafft es nicht, irgendwann kullern Tränen über ihre Wange. Sie kann einfach nicht fassen, dass ihr 73 Jahre nach ihrer eigenen Flucht, ihrer Vertreibung aus der ehemaligen Tschecheslowakei, im Wohnzimmer Menschen gegenübersitzen, denen ganz ähnliches widerfährt wie ihrer Familie ab dem Jahr 1946.

„Die Humanität geht uns verloren. So fängt das alles, das ganze Leid von damals, wieder von vorne an. Welche Gesellschaft, welche Welt hinterlassen wir nur unseren Nachfahren?“, fragt die 85-Jähri­ge. Es ist eine fast groteske Szenerie, die sich an diesem wolkenverhangenen Februartag unweit des Marburger Marktplatzes offenbart: In einem Jugendstilzimmer eines jahrhundertealten Oberstadthauses, in dem kunstvolle Teller an der Wand hängen, eine Pendeluhr vom knarzenden Holzboden bis zur Stuckverzierung der Decke reicht, treffen Menschen aufeinander, die auf den ersten Blick alles Mögliche trennt. Nicht zuletzt Wohlstand, sozialer Status, Alter, Sprache, Herkunft, Kultur und Hautfarbe. Was sie verbinden könnte, ist dagegen nicht sichtbar. Um das zu erkennen, muss man ihnen, dem alten Kaufmannsehepaar aus der Oberstadt und dem jungen Ehepaar aus Algerien, zuhören.

Fluchtgeschichte verbindet die Familien

Ihre Verbindung ist die Fluchtgeschichte, vor allem die Erfahrungen, all die Leiden auf dem Weg und vor allem die Beleidigungen und Verachtung in einem anderen Land. „Diese ständige Angst“, wie Urff sagt. Die Angst, die Flüchtlinge selbst in dem Land verfolgt, in dem sie – eigentlich – nicht verfolgt werden. „Dieses Gefühl schüttelt man nie ab. Ich habe das – und ich habe im späteren Leben viel Glück gehabt – nie vergessen, nie verwunden.“

Mit zwölf Jahren begann im Jahr 1946 ihr persönlicher Alptraum, oder besser: Er setzte sich fort. Urff war zwölf Jahre alt, der Vater starb schon zuvor im Zweiten Weltkrieg, Geschwister überlebten Krankheiten nicht. Was blieb, war eine Mutter, die sich für sie und den kleineren Bruder abrackerte – und dann vertrieben wurde. Von den Behörden aufgefordert, das Land zu verlassen, kamen sie mit vielen weiteren Vertriebenen erst in ein Gefängnis, bevor sie auf einem Viehwagen gen Westen, aber vor allem in eine ungewisse Zukunft fuhren. Die begann in Jesberg, führte über Bad Wildungen und erst Jahre später nach Marburg. Eines war sowohl für die Jugendliche als auch ihre Mutter in Nord- und Mittelhessen früh Gewissheit: Ablehnung, Zurückweisung, Verachtung begegneten ihnen häufiger als Neugier, Hilfe, gar Zuneigung. 

„Wie Menschen zweiter, ach, dritter Klasse wurden wir nach unserer Flucht behandelt. Für die meisten Deutschen waren wir Dreck, was sie uns auch haben spüren lassen. Dabei waren wir sogar weiße Landsleute – ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viel schlimmer die Vorurteile noch sind, wenn man dunkelhäutig ist“, sagt Urff und blickt Tarek Ramdani tief in die Augen. 

"Auch guten Menschen passieren leider schlimme Sachen"

Der 35-Jährige, der nach acht Jahren in Deutschland viel versteht, hört die ganze Zeit konzentriert zu, nickt, tupft sich mit einem Taschentuch die Augen ab. Dass es von Herzen kommt, was diese alte deutsche Frau sagt, die er vor weniger als einer Stunde zum ersten Mal gesehen hat, spürt er. „Auch guten Menschen passieren leider schlimme Sachen“, sagt er. Aber gefängnisartige Zustände wie Enge, Überfüllung, ­dazu Stress und die immer alles begleitende Ungewissheit, das Bangen: Das alles weckt auch gar nicht so lang zurückliegende Erinnerungen bei Ramdani und Abidi. Denn als sie bis zur gescheiterten Abschiebung Mitte Januar in einem Haus in der Breslauer Straße wohnten, waren sie – eine Familie mit zwei Kleinkindern – nach eigenen Angaben umgeben von 13 alleinstehenden Flüchtlingsmännern. „Das ist keine gute, nicht die richtige Umgebung“, sagt der Familienvater.

„Das, was mit Ihnen gemacht wurde, was damit auch Ihren Kindern angetan wurde, ist jedenfalls ungeheuerlich. Das macht mich traurig und wütend“, sagt Urff in Richtung der hochschwangeren Fatima Abidi. Die 30-Jährige ist von der gescheiterten Abschiebung weiter tief getroffen. Die Hochschwangere hat – ärztlich attestiert – eine Risikoschwangerschaft und ist, ebenfalls per Attest bestätigt, reise- und fluguntauglich, sollte aber trotzdem abgeschoben werden (die OP berichtete).

Flüchtlingswellen

1905 lebten mehr als eine Million Ausländer im Deutschen Reich, etwa die Hälfte waren „Österreicher“ (inklusive Tschechen, Slowaken und anderer Menschen aus damals zu Österreich gehörenden Ländern).
Durch Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa kamen 1945-1950 rund sechs Millionen Menschen, überwiegend Deutsche, in die spätere Bundesrepublik, die dann rund 15 Prozent der Gesamtbevölkerung Westdeutschlands ausmachten. Eine weitere Migrationswelle setzte in den 1950er- und 1960er-Jahren ein, als im Zuge des „Wirtschaftswunders“ hunderttausende Arbeiter vor allem aus Südeuropa als Gastarbeiter beschäftigt wurden. Die 1980er-Jahre wurden vor allem durch politische Streits um eine Asylrechts-Verschärfung geprägt, zu Beginn der 1990er-Jahre kamen dann in großer Zahl Einwanderer aus Osteuropa und der Ex-Sowjetunion – Spätaussiedler, also Menschen „deutscher Volkszugehörigkeit“ oder deutscher Herkunft wie etwa Russlanddeutsche, andererseits etwa 220.000 Kontingentflüchtlinge „jüdischer Nationalität“. Zudem tausende Balkankriegs-Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die 2000er-Jahre standen zu Beginn im Zeichen möglicher Staatsangehörigkeitsrechts-Reformen, bis im Jahr 2015 die vom Syrienkrieg ausgelöste nächste Migrationswelle kam.

Die Schwangerschaft nimmt sie mit, aber sie bemerkt auch die aktuelle Anteilnahme in der Universitätsstadt. Trotz aller Anspannung sei sie erleichtert, dass es „auch gute Deutsche gibt“. Es sei wichtig, dass Menschen um das Geschehene wissen. „So etwas darf nicht nochmal, das soll, das darf auch keinem anderen passieren“, sagt Anna Radke, bei der die vierköpfige Familie seit der gescheiterten Abschiebung Mitte Januar wohnt. Dass mehr Deutsche die Familie kennenlernen und „immer mehr ­Leute merken, dass das gute Menschen sind, die zum Wohl der Gesellschaft beitragen können und wollen“.

„In Deutschland läuft doch etwas völlig schief. Auf der einen Seite fehlt es überall an Arbeitskräften, so dass auch in Marburg Bäcker samstags später aufmachen oder der Pflegedienst später kommt, weil die alle nicht genug Personal haben, händeringend Leute suchen. Auf der anderen Seite werden alle, die das ändern könnten, rausgeschmissen. Und zwar, weil sie aus dem mutmaßlich falschen Land kommen. Das ist absurd und falsch“, sagt auch Alfred Urff. Der 88-Jährige zeigt den Algeriern die Wohnung, die von Büchern und Erinnerungsstücken etwa an die Anfänge der Buchhandlung Arcularius gesäumt ist. Er erzählt dem handwerklich geschickten ­Ramdani von der Historie der Buchhandlung, der Marburger Geschäftswelt als solcher, von der Baugeschichte des Wohnhauses oberhalb der Hofstatt.

Rotraut Urff erfuhr als Kind Förderung

Ramdani, der eine Arbeitsstelle in Aussicht hat und sich um auch eine Altenpfleger-Tätigkeit bemüht, staunt. Für ihn ist das eine andere Welt. „Es ist so schön“ – den Satz wiederholt er im Gespräch mit Alfred Urff mehrfach. „Vor allem ist es schön, zu merken, dass es auch gute Menschen gibt. Alles, was wir brauchen, sind ­Ruhe und eine Chance. Hoffentlich kriegen wir sie“, sagt der 35-Jährige, als Rotraut Urff mit ihrem Rollator im Schlafzimmer verschwindet, um ihm für seine zwei Töchter Kinder-Bettwäsche und Bücher mitzugeben. Denn die Urffs wollen Ramdani, Abidi und die zwei- beziehungsweise vierjährigen Mirel und Maria nicht nur kennenlernen. Sie wollen aktiv helfen: Mit Kleinigkeiten wie Sachspenden, aber vor allem beim Verbleib in Marburg, bei der Integration – und so ist für Frühjahr schon verabredet, dass die Familie samt Neugeborenem in das Oberstadthaus kommt.

Rotraut Urff weiß, wie wichtig auf dem Lebensweg eines Flüchtlings ein persönlicher Förde­rer – wie Radke für die Algerier – sein kann. Sie selbst profitierte davon, dass in Nordhessen einst eine bürgerliche Familie auf sie, das von vielen in der Schule beschimpfte Mädchen aus den ehemaligen Ostgebieten, aufmerksam wurde – und ihr Türen etwa für eine Ausbildung, für Arbeit, für Lohn und Brot öffnete. Und auch wenn sie bereits 85 Jahre und kaum noch mobil sei, „also nicht mehr viel von mir übrig ist“, wolle sie den Algeriern helfen, wie und wo sie kann – über Sachspenden, Zeit und nicht zuletzt beim Öffnen von für Flüchtlinge meist verschlossenen Türen.

Urffs bezeichnen sich selbst als überzeugte Christdemokraten. Die gesellschaftlichen Werte, nicht zuletzt jene der CDU, müssten auf Menschlichkeit, auf dem christlichen Hilfsanspruch fußen. Deutsch, algerisch – „alle sind Menschen, keiner ist besser als der andere“. Ihr eigenes Leben sei der Beweis dafür. „Dass er ein Flüchtlingsmädchen geheiratet hat, ist vielleicht seine größte Lebensleistung“, sagt Rotraut Urff zu ihrem Ehemann, als sich die ungleichen Flüchtlinge beim Kennenlern-Treffen verabschieden. Alfred Urff zwinkert mit dem Auge und sagt: „Sie war nicht die Kaufmannstochter, die ich hätte nehmen sollen. Aber ich habe ihr eine Chance gegeben.“ Also das, worauf auch die Algerier und ihre Flüchtlingshelferin Anna Radke, bei der sie seit der geplatzten Abschiebung wohnen, hoffen.

von Björn Wisker

Nach den OP-Berichten über die verhinderte Abschiebung wurde Kritik aus der Stadt laut.