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Marburg Brückensperrung schafft „Bermudadreieck“
Marburg Brückensperrung schafft „Bermudadreieck“
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00:19 01.10.2018
Die monatelange Sperrung der Weidenhäuser Brücke lässt nicht nur Autofahrer verzweifeln, sondern auch viele Ladeninhaber und Gastronomen, die angesichts von Umsatzeinbußen um die Zukunft ihrer Geschäfte bangen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Still ist es geworden um den sonst stark befahrenen Erlenring. Wo vor der Sperrung der Weidenhäuser Brücke regelmäßig Menschentrauben auf ein grünes Signal der Fußgängerampel warteten, wird nicht selten ohne Beachtung des Querungsstreifens über die Straße gegangen.

Abgase und Autolärm? Fehlanzeige. Die laufende Sanierung der Brücke hat eine angenehme Ruhe in den vorderen Bereich Weidenhausens gebracht. Was manch einer als angenehm empfindet, belastet jedoch die anliegenden Geschäfte. Diese berichten auf Nachfrage über Umsatzeinbußen und Existenzängsten.

Der frühere Dönerladen am Erlenring ist mittlerweile verwaist. Ein „Wir renovieren“-Schild vergilbt in der Herbstsonne. Die Brückenreparatur hat erste Tribute gefordert. Auch in den umliegenden ­Geschäften ist Zukunftsangst ein Thema: Man spreche untereinander und viel, oft ist von „20 Prozent Umsatzausfall“ die ­Rede, erzählt Tahir Kaya, der ­Betreiber des Restaurants Lahnterrassen.

„Schicksal der Anlieger interessiert Stadt nicht“

„Die Stadt hat die Baustelle­ viel zu groß abgesperrt und Laufkundschaft gibt es kaum. Höchstens vereinzelte Passanten, die aus Richtung Aquamar kommen. An eine halbseitige Öffnung im Herbst glauben wir Anlieger nicht mehr“, sagt Kaya, „Der Mittagstisch fällt teilweise komplett aus, da auch Stammkunden kaum den Umweg vom Rudolphsplatz aus nutzen“.

Die Brücke sei „das Herz von Marburg“. Dass eine Reparatur trotz aller Umstände notwendig sei, sehen viele Geschäftsleute­ ein, ärgern sich jedoch über eine­ angeblich fehlende Hilfestellung seitens der Verwaltung.

„Natürlich hat etwas an der kaputten Straße geschehen müssen, aber das Schicksal der Anlieger interessiert die Stadt nicht“, findet Kaya.
Chancen auf Schadenersatz sieht der Geschäftsmann keine, „da oben sitzen die großen Fische, wir sind die kleinen Fische – der große Fisch frisst eben den kleinen Fisch“, findet er.

Betreiber fürchten 
weitere Einbußen

Adrian Sandha, Inhaber des gleichnamigen Fotostudios berichtet, er habe im ersten halben Jahr der Sperrung Ausfälle im mittleren, fünfstelligen Bereich gehabt und müsste seine Existenz in der Lingelgasse wohl aufgeben, wenn er nicht noch einen Zweitjob hätte.

„Uns Anwohner hat die Stadt kaum informiert, ich glaube mittlerweile weder an eine Teil­öffnung der Brücke im Herbst, noch an eine Fertigstellung im nächsten Jahr“, sagt Sandha. Darüber hinaus brodelt die Gerüchteküche unter so manchem entnervten Anwohner und den Geschäftsleuten: Hinter vorgehaltener Hand nenne man die Geschäfte schon Marburgs Bermudadreieck, erzählt der Fotograf zynisch. Auch er sehe Schadenersatzansprüche als sinnlos an, dies würde ihm das Geschäft komplett ruinieren.

„Die Stadt hat viel zu viel abgesperrt. Der Fußweg hinter meinem Geschäft, welcher etwa 20 Meter vor der Baustelle endet, hätte freigelassen werden können“. Dem nächsten Jahr blickt Sandha mit Sorge entgegen.

Beschwerde über Grillfest auf der Baustelle

Auch Mehmet Kaya, Betreiber des Burgerrestaurants „Shaky-Shake“ berichtet, dass trotz seiner guten Lage und der Laufkundschaft, von der er profitiert, 30 Prozent Umsatzeinbußen festzustellen seien. „Nächstes­ Jahr werden wir durchhalten und hoffen, dass die Brücke pünktlich fertig wird. Einzig die Laufkundschaft zwischen Rudolphsplatz und Erlenring hält uns lebendig“, schätzt er.

Brisanter ist die Situation im französischen Restaurant „BleNoir“: Ulf Schneider, Inhaber der Crêperie, erklärt, er sei zwar nicht auf Laufkundschaft angewiesen, dennoch sei es geschäftsschädigend, wenn die Bauarbeiter regelmäßig die Baustelle erweitern, so dass er seine­ ­Gästetische täglich umstellen müsse. Darüber hinaus würden die Bauarbeiter einmal in der Woche ein Grillfest auf der Baustelle veranstalten.

Anlieger befürchten Verzögerung bei Bau

Dem Betreiber nach würden dabei auch Abfälle verbrannt werden, „es riecht nach Chemie und stinkt uns ­direkt in den Laden rein“, sagt er. Es komme vor, dass Gäste wegen der Geruchsbelästigung wieder gehen. „Wir mussten kurzzeitig schon schließen. Von der Stadt interessiert das keinen, ob wir überleben oder nicht“, kritisiert Schneider.

Öffentlich habe die Stadtverwaltung zwar versichert, dass die Brücke im Herbst einseitig geöffnet und im Herbst 2019 fertiggestellt werden würde – daran glauben können manche Anwohnern auf Nachfrage nicht mehr. Sie schätzen, dass die Sperrung weiter andauere und zunehmend mehr Kundschaft vergraule.

Wie die Stadt mitteilte, stehe man mit zwei Geschäftsinhabern in Kontakt, „um gemeinsam nach Lösungen zu suchen“. Auf Wunsch von Gewerbetreibenden wurde es darüber hinaus auch in Zusammenarbeit mit der Baufirma ermöglicht, den Fußweg und die Treppe vom Tretbootverleih hoch zur Weidenhäuser Brücke offen zu halten.

von Jan-Patrick Wismar