Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Mit falschem Ausweis Blut gespendet
Marburg Mit falschem Ausweis Blut gespendet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:19 15.05.2018
Ein Marburger Paar ist wegen Diebstahls und Betrugs verurteilt worden (Symbolfoto).  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Es ist für mich ein Schlag in die Fresse, wie weit mich Heroin gebracht hat“, sagt die 44-Jährige vor dem Marburger Amtsgericht. Der 27-Jährige gebürtige Sachse habe schon als Jugendlicher Drogenprobleme gehabt und sei durch den Aufenthalt in einer Entzugsanstalt nach Marburg gekommen.

Nach einer abgebrochenen Ausbildung und der Arbeit­ in Zeitarbeitsfirmen lernte er die 44-jährige Bäckereiverkäuferin kennen. Beide wurden ­arbeitslos, die heftigen Entzugserscheinungen hätten sie zu diesen Straftaten verleitet.

Pfandflaschen gestohlen

Dabei handelt es sich um den Zeitraum von August 2016 bis Januar 2017. Im September 2016 fuhren beide mit Pfandflaschen zu einem Supermarkt in Lahntal. Dabei entdeckten sie hinter dem Betrieb abgestellte, bereits von anderen Kunden eingelöste Kisten. Mit ihren eigenen und den fremden Kisten lösten sie also den Bon an der Kasse ein, aktiv vortäuschend, dass es sich vollständig um ihr eigenes Pfand handelte. Der entstandene Schaden betrug knapp 30 Euro.

In einem Marburger Elektronikfachmarkt begingen beide­ gemeinschaftlich zwei Diebstähle auf ähnliche Weise, nur der erste war von Erfolg gekrönt. Dort stahlen die beiden ein geringwertiges Handy, indem sie die Sicherheitsbanderole mit einem Feuerzeug ankokelten und die Verpackung ohne Inhalt zurückließen.

Der zweite Diebstahl betraf dann zwei geringwertige Handys und ein hochwertiges Navigationsgerät. Wieder öffneten die Angeklagten die Verpackungen mit Feuerzeugen, die Handys verschwanden in den Hosentaschen, das Navigationsgerät in der Brieftasche. Doch ein Hausdetektiv kam den beiden auf die Schliche und rief die Polizei.

Die als Zeugin vernommene Polizeibeamtin berichtete, die Angeklagten hätten sich „sehr kooperativ“ gezeigt und sofort beide Diebstähle zugegeben. Sie bestätigte auch durch ihren Eindruck eine damalige Drogenabhängigkeit bei beiden. Im November 2016 waren beide Angeklagten nach eigener Aussage auf dem Weg zu einem Besuch am Richtsberg. Sie wollten einen Bekannten des 27-Jährigen besuchen, der sie zum ­Heroin verleitet haben soll.

Führerschein als verloren gemeldet und behalten

Am Straßenrand erblickten sie einen Haufen Sperrmüll – worunter auch eine Louis-Vuitton-Handtasche gewesen sein soll, wobei der 44-Jährigen nicht klar war, ob es sich wirklich um ein Original handelte. Sie nahm die Tasche gegen den Rat ihres­ Freundes mit. Zu Hause habe sie darin mehrere Dokumente gefunden, darunter Personalausweis und Krankenkarte, die ­lose in der Tasche gelegen ­haben sollen.

So kam der 44-Jährigen die Idee, Blut spenden zu gehen. Denn: Sie hätte damit den vorgeschriebenen zeitlichen Abstand zwischen zwei Spenden von knapp drei Monaten nicht eingehalten. Im Krankenhaus flog der Betrug auf, vor Gericht gesteht die 44-Jährige sofort.

Die beiden letzten Delikte ­betreffen den 27-Jährigen. Im ­November 2016 soll er in einem Marburger Supermarkt mehrere­ Päckchen Tabak im Wert von knapp 24 Euro aus dem Kassenbereich entwendet haben. Auch dies gesteht er und sogleich die „Absicht, Geld aufzutreiben“. Ein Ladendetektiv habe ihn jedoch abgefangen und gefordert, sich auszuweisen.

Daraufhin zeigte der 27-Jährige seinen Führerschein vor. Das Problem: Diesen hatte er zuvor als verloren angezeigt. Der Angeklagte erklärt vor Gericht, dass er den Führerschein nach einer Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr hätte abgeben müssen. Die Behörde habe ihn angeschrieben, und um der Abgabe zu entgehen, habe er ihn als verloren gemeldet.

Beide Angeklagten gaben an, aufgrund der Drogenabhängigkeit bereits Hilfe in Form von Substitution gesucht zu haben. Die Rückmeldung sei aber gewesen, sie seien noch nicht lang genug abhängig.

Seit Sommer vergangenen Jahres hätten sie es mit einer harmloseren Ersatzdroge geschafft, von Heroin wegzukommen. „Ich wollte nie so leben“, sagte die 44-Jährige. Durch den Drogenkonsum habe sie sich mit Hepatitis infiziert.

Ambulante Therapie und gemeinnützige Arbeit

Beide erklärten sich zu einer­ ambulanten Therapie bereit. Das Gericht sah daher eine günstige Sozialprognose. Das Urteil belief sich unter anderem wegen gewerbsmäßigen Diebstahls und Betrugs auf eine Freiheitsstrafe. Bei dem 27-Jährigen handelt es sich um acht Monate, bei der 44-Jährigen um sieben Monate, beide Freiheitsstrafen setzte das Gericht zur Bewährung aus.

Als Auflage müssen beide Angeklagten eine ambulante Therapie absolvieren, der 27-Jährige hat nun 100 Stunden gemeinnützige Arbeit, die 44-Jährige 50 Stunden abzuleisten.

von Beatrix Achinger