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Marburg Vater würgt Stieftochter: Drei Jahre auf Bewährung
Marburg Vater würgt Stieftochter: Drei Jahre auf Bewährung
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00:16 16.01.2019
Symbolbild: Ein Mann ballt die Faust vor einer sich schützenden Frau. Quelle: Archiv
Marburg

Was passiert wäre, hätte der jüngere Bruder des 16-jährigen Opfers nicht eingegriffen, weiß niemand. Das Gericht sah jedenfalls die Grenze zur Tötungsabsicht nicht erreicht. Trotzdem blieben dem Mädchen nach dem Angriff des Mannes Hämatome und Kratzer am Hals zurück. Der Mann gestand die Tat vor Gericht.

Das war passiert: Die heute 16-Jährige lebte im April 2018 gemeinsam mit ihrem 14-jährigen Bruder bei ihrer Mutter und deren neuem Ehemann. Am fraglichen Abend war das Mädchen um zehn Minuten nach 19 Uhr nach Hause gekommen. Für den Mann ihrer Mutter war das wohl zu spät, hatte er doch vorher gesagt, sie solle spätestens um 19 Uhr zurück sein. Das Mädchen sei ständig zu spät gekommen, sagte der Mann vor Gericht.

Eine übliche Bestrafung in der Familie muss es damals gewesen sein, den Strom in der oberen Etage des Wohnhauses abzuschalten – dort hatten die beiden Kinder ihre Zimmer. Das tat der Mann auch an diesem Abend wieder, woraufhin die 16-Jährige mit ihm im Hausflur in Streit geriet.

Schwere Zeiten für Bruder und Schwester

Der 33-Jährige verlor jegliche Contenance, packte das Mädchen und würgte es. Der jüngere Bruder hatte in seinem Zimmer im Obergeschoss an der Tür dem Streit gelauscht. Als er seine Schwester weinen hörte, eilte er ihr zu Hilfe. Der Mann ließ daraufhin von dem Mädchen ab und warf zunächst den Jungen und dann auch sie zu Boden. Die Mutter der beiden Kinder stand daneben.

Die Frau hatte zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Gatten bereits zwei weitere Kinder bekommen. Nach der Geburt ihrer neuen Geschwister waren für die 16-Jährige und ihren Bruder schwere Zeiten angebrochen. „Es drehte sich alles nur noch um die Kleinen“, sagte das Mädchen.

Immer häufiger gab es Streit in dem Haus. „Wegen Kleinigkeiten“, sagte die 16-Jährige. Die Eltern hätten beispielsweise darauf bestanden, dass sie bis um viertel vor sieben am Abend zurück zu Hause sei, weil sie nach 19 Uhr nichts mehr zu Essen bekommen sollte.

Überhaupt waren die Ess-Gepflogenheiten in der Familie ungewöhnlich. Die beiden älteren Kinder aßen allein. Mutter und Stiefvater hätten sich abends dann selbst etwas gekocht und ohne die beiden gegessen, sagte der 14-jährige Junge.

Das Jugendamt war auch schon auf die Familie aufmerksam geworden. Vor Gericht sagte ein Sozialarbeiter aus, der sich mit der Familie mehrfach getroffen hatte. Er habe das Gefühl gehabt, dass die Eltern die beiden ältesten Kinder loswerden wollten. Zwischenzeitlich habe die Mutter sogar beantragt, die Kinder woanders unterzubringen.

„Seelische Grausamkeit“ warf der Richter dem Angeklagten und seiner Gattin vor. Die beiden hätten eine Drohkulisse für die ältesten Kinder aufgebaut und sie praktisch vom Familienleben ausgeschlossen.
In ihren Plädoyers bewerteten sowohl Staatsanwaltschaft und Nebenklage auf der einen als auch die Verteidigung auf der anderen Seite die Ansetzung des Strafmaßes völlig unterschiedlich. Ein große Rolle spielte hierbei die Tatsache, dass der Mann bereits mehrfach vorbestraft ist – allerdings ausschließlich wegen Diebstahls und Betrugs. Auch hatten die Kinder als Zeugen ausgesagt, dass es das erste Mal gewesen sei, dass der Mann in der Familie handgreiflich wurde.

Gerade die Vorstrafen des Mannes und die Tatsache, dass die Sache noch schlimmer hätte ausgehen können, veranlassten den Staatsanwalt dazu, eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten ohne Bewährung als Strafe zu fordern. Die Anwältin der Nebenklage machte ihrem Ärger darüber Luft, dass der 33-Jährige sich im Prozess trotz seines Geständnisses wenig reuig zeigte und sich nicht entschuldigt habe.
Der Verteidiger hingegen wies darauf hin, was es für die Familie bedeute, wenn der Mann als einziger Berufstätiger ins Gefängnis gehen würde. Eine Haftstrafe wäre „völlig überzogen“, so der Anwalt. Diese „einmalige Verfehlung“ dürfe die Familie nicht komplett zerstören.

Der Richter verhängte schließlich eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten - diese wurde zu einer dreijährige Bewährungszeit ausgesetzt. Zudem muss der Verurteilte sein Nettogehalt eines Monats an eine gemeinnützige Organisation spenden.

von Dominic Heitz