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Marburg Helfer eines Millionen-Betrugs verurteilt
Marburg Helfer eines Millionen-Betrugs verurteilt
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21:09 27.04.2018
Provisionen wurden – wenn überhaupt – in bar übergeben. Teilweise fanden die Übergaben auch auf einem Friedhof statt, wie ein Zeuge berichtete. Quelle: Patrick Pleul
Marburg

In einer Düsseldorfer Zigarren-Lounge lernt der 63-jährige Angeklagte den späteren Kopf der Bande kennen. Ein schmackhaftes Angebot, Geschäftsführer einer seriös ­anmutenden Finanzberaterfirma mit Aktienverkäufen, dabei zehn Prozent Provision.

Es handelte sich scheinbar um verlockend günstige Aktien­ namhafter US-Konzerne wie Google, Apple oder Tesla, die Verkäufer in Call-Centern der Scheinfirmen bundesweit per Telefon verkauften – und mehr als 600 Zahlungseingänge verbuchten (die OP berichtete mehrfach). Das Problem: Die Aktien hat es nie gegeben.

Den Gewinn musste der Angeklagte immer wieder auf einem Düsseldorfer Friedhof an einem festgelegten Grab abholen. „Ein bisschen wie in einem Agenten-Thriller“, sagt der Angeklagte selbst.

Der bereits vom Landgericht abgeurteilte Bandenchef trat jetzt als Zeuge auf: „Es war klar, dass es eine Luftnummer ist.“ Auch der besagte Angeklagte hatte daran keine Zweifel.

„Ich wollte aufhören, kam aber aus der Nummer nicht mehr raus.“ Insgesamt knapp 450 000 Euro holte er so immer wieder ab, behielt zehn Prozent und gab den Rest an seine „Zigarren-­Bekanntschaft“ weiter.

Die geprellten Kunden warteten auf Zertifikate, jedoch vergeblich. Kaum, dass die Anzeigen gegen eine Firma überhand nahmen, stampften die „Mitarbeiter“ das Unternehmen kurzerhand ein und gründeten neue Firmen mit Treuhandgesellschaften.

Im Zeitraum von April 2014 bis April 2016 drehte sich die Betrüger-Tretmühle immer weiter, das zuhauf überwiesene Buchgeld verschwand in einem undurchsichtigen Netzwerk von Mutter-Tochter-Firmen.

Firmen-Netzwerk 
war völlig undurchsichtig

Selbst die zeitweise beteiligten Angeklagten wussten zum Teil nicht, was genau vor sich ging, welche Rolle sie spielten, für wen sie arbeiteten oder wo sich überhaupt die Geschäftsräume befanden.

Dieser Angeklagte hatte sich dabei mit einem bisher nicht ermittelbaren Mittäter um Firmengründungen gekümmert.
Der 66-jährige Mitangeklagte­ war vorher in der Immobilienbranche tätig, doch kurz vor Einstieg in die Bande arbeitslos.

Er schämte sich, wollte nach eigener Aussage, dass seine Freundin und die Nachbarn denken, dass er tagsüber auf der Arbeit ist. Der Bandenchef habe ihm versprochen: „Ich bringe dich wieder in einer Immobilienfirma unter.“

Von nun an leistete er die Vorarbeit für die „Verkäufer“, führte Erstgespräche und stellte später das Material für Verkaufsgespräche zusammen. Eine Provision habe er nie erhalten, was er glaubhaft beteuerte.

Der dritte Angeklagte ist drei Wochen vor dem polizeilichen Zugriff erst Teil des Betrüger-Kollektivs geworden. Er musste kurz vorher selbst Insolvenz anmelden, nachdem er eine Trinkhalle in Düsseldorf geleitet hatte, die ihn mit beachtlichen Schulden zurückließ.

Bundeszentralregister der Angeklagten waren weiß

Ein bis dato Fremder hatte das zu seinem Verhängnis herausgefunden, ihn angesprochen und ihm 15 Prozent Provision versprochen, dafür müsse er auch nicht viel machen, soll dieser Mann ihn gelockt haben. Ab da sollte der 28-Jährige den Geschäftsführer ersetzen, Konten übernehmen und eröffnen.

Regelmäßig traf er sich mit ­einem gewissen „Max“, der ihm etwas von Oldtimer-Geschäften, doch nichts Genaues erzählte. Als dem Angeklagten etwas dünkte, beauftragte er seinen Bruder, sich bei einem der Treffen in der Nähe versteckt zu halten und heimlich Fotos zu machen.

„Ich konnte nicht ahnen, was das für ein Ausmaß hat“, sagt er vor Gericht. Die Bundeszentralregister ­
aller drei Angeklagten waren weiß, was Richter Dominik Best bei der Urteilsfindung berücksichtigte.

Der 63-jährige Angeklagte wurde schließlich zu einer Haftstrafe von 21 Monaten zur Bewährung verurteilt. Bei den beiden anderen blieb es wegen Beihilfe zu banden- und ­gewerbsmäßigem Betrug je bei einer Verwarnung, der 66-Jährige erhielt 150 Tagessätze à 15 Euro, der 28-Jährige 165 Tagessätze zu je 15 Euro.

von Beatrix Achinger