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Marburg Reiter bangen um Marbach-Pferde
Marburg Reiter bangen um Marbach-Pferde
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00:16 28.08.2018
Der Reitverein Marbach sorgt sich angesichts der möglichen Rotenberg-Bebauung um seine Zukunft.  Quelle: Privatfoto
Marburg

Der Name der Reitanlage ist „Rohan“ – eine Verneigung vor dem Fantasywerk „Herr der Ringe“. Rohan, das ist in den Büchern und den Filmen ein Grasland, das Königreich der Pferdeherren. Und vor allem ist das Gebiet ein Meer von Wiesen. Grün, soweit das Auge reicht.

Für Jana Sonntag vom Reitverein Marbach haben die Fantasiewelten Rohan und Auenland viel mit dem realen Oberen Rotenberg gemeinsam: „Es ist hier schön grün, die Pferde sind so frei, wie es in einer Stadt nur irgendwie möglich ist“, sagt die Grundschullehrerin.

Magistrat ein Schreiben übergeben

Ein Gebiet, wo die Pferde ab Frühjahr bis Herbst 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche frei herumlaufen können, finde man in der Universitätsstadt sonst nirgendwo. Aber angesichts der städtischen Wohnviertel-Pläne auf vielen Hektar zwischen der Gärtnerei Philipps und dem Höhenweg fragen sich Jana Sonntag und Dutzende andere Marburger Pferde-Fans, wie lange diese „weit und breit einzige ansatzweise artgerechte Haltung“ und das Ausleben ihres Reithobbys noch möglich ist.

„Es wäre eine Katastrophe, wenn die Flächen wegfallen würden,“ sagt Sonntag. Mit mehreren Vereinsmitgliedern – und Ponys – hat sie dem Magistrat am vergangenen Samstag beim Stadtteil-Spaziergang ein Schreiben übergeben, um zu erklären, wie wichtig das Marbacher Gebiet für die Zukunft der Tiere, ihrer Halter und aller Pferde-Fans ist.

Denn die Fläche, auf der laut Standortanalyse der Stadtverwaltung in einigen Jahren Wohnhäuser für 500 Menschen stehen könnten, ist die entscheidende Futter-Produktionsstätte. Dort wird das Heu, die Winternahrung für 37 Pferde gewonnen. Zwölf Schulpferde des Vereins und 25 Tiere, deren Besitzer die Anlage als Stall nutzen.

Jana Sonntag: Der Reitverein dürfe im Zuge der Baugebietsausweisung daher „nicht einfach platt gemacht werden“.

 „Das ist eine 
Herzblut-Sache“

Wenn Monika Kickartz, Geschäftsführerin von Pferdeland „Rohan“ und Pächterin des möglichen Baulands, über die Zukunft des Betriebs, des Vereins spricht, schwingt Traurigkeit in ihrer Stimme mit. „Diese Wiese ist die einzige von nennenswerter Größe, die eben und maschinenbefahrbar ist.

Sie ist für die Gewinnung unseres Winterfutters entscheidend. Nur aus diesem Grund habe ich diese Flächen gepachtet. Alle anderen Wiesen befinden sich in Hanglage und kommen nicht in Frage“, sagt sie.

„Das hier, das ist eine schöne heile Welt, ein toller Flecken Erde. Für Mensch und Tier. Noch“, sagt sie mit Blick auf die weiten, unbebauten Wiesen. Würden die sechs der insgesamt 40 bewirtschafteten Hektar wegfallen, sei das für sie „existenzbedrohend“. „Es gibt so einen hohen Druck auf Land in Marburg. Und es wird ja nicht mehr, sondern immer weniger Fläche, vor allem immer weniger Grünland und Natur“, sagt sie.

Ausweichen bräuchte Zeit

Nun also ist nicht nur, wie Anwohner und Naturschutzverbände kritisieren, der sogenannte Marburger Rücken, sondern auch das Marbacher Feld bedroht. „Für mich, für uns ist das eine Herzblut-Sache. Ich will im Leben etwas machen, das sinnvoll ist.

Da geht es nicht darum, dass das viel Profit abwirft. Es geht trotz all der auch körperlichen Anstrengung um andere Dinge als Geld“, sagt die Juristin. Etwa, Stadtkindern Berührungspunkte mit Umwelt und Natur, mit Tieren, mit Pferden zu geben. So setzt der Reitverein schwerpunktmäßig auf pädagogischen Reitunterricht.

Wie etwa für jene Mädchen, die dem Magistrat einen Brief übergeben haben, wonach sie vom Oberbürgermeister und den Stadtplanern einen Erhalt der Marbacher Weide-, Auslauf- und Futterherstellungsflächen verlangen. Oder wenigstens Ausgleichsflächen, wie Monika Kickartz sagt. „Es gibt noch wenige, aber interessante, für unsere Zwecke in Frage kommende Alternativen. Aber auch ein Ausweichen bräuchte Zeit“, sagt sie. Denn: Bis das Gras an die Pferde verfüttert werden könne, vergingen zehn Jahre.

So lange dauere 
es, bis „halbwegs vernünftiges Grünland“ vorhanden ist. Kickartz besitzt zwar einen Pachtvertrag, aber bei einem Flächenverkauf wäre sie „faktisch raus“. Der Magistrat hat im Falle einer Rotenberg-Bebauung bereits zumindest eine Futter-Sicherstellung signalisiert.

von Björn Wisker