Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Geld für Pille, Spirale oder Sterilisation
Marburg Geld für Pille, Spirale oder Sterilisation
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 14.01.2019
Die meisten Stadtpassinhaber nutzen das Angebot für Pille oder Spirale, wenige lassen sich auch sterilisieren. Das sind jedoch meist Männer. Quelle: Christophe Gateau
Marburg

Wer nicht viel Geld hat, kann nicht auf einen Schlag beispielsweise 180 Euro für eine Spirale ausgeben und greift deshalb beispielsweise notgedrungen auf die Pille zurück oder verhütet gar nicht, erklärt Inga Fielenbach, Geschäftsführerin von Pro Familia in Marburg auf OP-Nachfrage. Jeder soll sich jedoch frei entscheiden können, wie er verhüten möchte, jeder habe ein Recht auf Familienplanung. Daher gibt es von der Stadt Marburg einen sogenannten Verhütungsmittelfonds. Die Stadt stellt jedes Jahr 10 000 Euro zur Verfügung, die von Stadtpassinhabern (siehe Kasten) genutzt werden können. Sie sind Sozialhilfeempfänger, bekommen Hartz IV, sind Asylbewerber oder haben Einkünfte unterhalb einer gewissen Grenze.

Stadtpass

Ende der 80er-Jahre wurde der Stadtpass in Marburg eingeführt. Er sollte damals vor allem Mobilität ermöglichen. Noch heute bekommen die Nutzer Karten für den ÖPNV günstiger, beispielsweise eine­ Monatskarte zum halben Preis. Im Laufe der Jahre sind aber viele Angebote dazugekommen, die soziale Teilhabe ermöglichen sollen, auch im Bereich Bildung und Sport. Dazu gibt es Kooperationen der Stadt mit der Volkshochschule und der Familienbildungsstätte. Ende 2017 gab es 10 043 Stadtpassinhaber.

Hartz IV sehe im Monat lediglich 16 Euro für „Gesundheitspflege“ vor, sagt Peter Schmidt, Leiter des Fachdienstes Soziale Dienste (kleines Foto, Archivbild: Felix Busjaeger). Für Männer reiche das meist, um davon Kondome zu finanzieren. Viele Frauen hingegen könnten damit ­ihren Bedarf nicht decken. Daher werde das Angebot des ­Verhütungsmittelfonds hauptsächlich von Frauen genutzt.

Bereits vor der Einführung von Hartz IV und der Sozialreform 2005 hätten Leistungsempfänger sich Verhütungsmittel und entsprechende medizinische Eingriffe finanzieren lassen können. Diesen rechtlichen Anspruch gebe es nun aber nicht mehr flächendeckend. Daher habe die Stadt Marburg im Jahr 2012 den Verhütungsmittelfonds ins Leben gerufen.

So ein Angebot gebe es nicht in jeder Kommune, sagt Inga Fielenbach von Pro Familia. Aber der Landkreis beispielsweise habe ein ähnliches Angebot für Leistungsempfänger. Pille und Spirale seien die Verhütungsmittel, die am meisten in Anspruch genommen würden, sagt Fielenbach. Viele hätten sich bereits mit ihrem Arzt abgestimmt und würden sich dann bei Pro Familia eine Bescheinigung für eine Kostenübernahme holen. Bis zu 300 Euro können übernommen werden. Eine Sterilisation beispielsweise jedoch kostet eher um die 500 Euro. Sie kommt zwar selten vor und wenn, dann eher bei Männern, sagt Fielenbach. In diesem Fall müsse aber ein Eigenanteil geleistet werden. In der Regel liege der Eigenanteil bei den Eingriffen aber nur bei  20 oder 30 Euro.

Fonds wurde 2018 ausgeschöpft

Die Ärzte schicken die Rechnung direkt an Pro Familia. Für den Kauf der Pille beispielsweise bekommen die betroffenen Stadtpassinhaber gegen Vorlage des Rezeptes vom Arzt in der Beratungsstelle hingegen direkt Geld für den Kauf.

Bisher haben die 10 000 Euro aus dem Fonds laut Fielenbach immer ausgereicht, 2018 wurden sie ausgeschöpft. Pro Familia hat für die Stadt die Verwaltung des Fonds übernommen, da Menschen mit einem Bedarf so direkt erreicht werden können. „Viele erfahren erst in der Schwangerschaftskonfliktberatung von der Möglichkeit, kostenfreie Verhütungsmittel zu bekommen“, so Fielenbach. Auch in der Verhütungsberatung würde natürlich über das Angebot informiert. Aber überwiegend würden die Nutzer von Ärzten geschickt.

von Freya Altmüller