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Marburg Gelbes Gift: Jakobskreuzkraut
Marburg Gelbes Gift: Jakobskreuzkraut
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00:16 31.07.2018
Ein Insekt sitzt auf blühendem Jakobskreuzkraut. Die Pflanze breitet sich von Brachflächen, Straßen- und Wegesrändern weiter aus und stellt für Weidetiere eine Gefahr dar.  Quelle: Felix Kästle
Marburg

Jakobskreuzkraut stelle vor allem für Pferde eine große Gefahr dar, erklärt Tierarzt Herbert Winter aus Wehrda auf Anfrage der OP. „Anderen Weidetieren kann es auch schaden, aber Pferde reagieren am empfindlichsten“, sagt der 60-Jährige, der auf die Behandlung von Pferden spezialisiert ist und in der gesamten Region praktiziert.

Die Pflanze erkennen

Seinen Namen soll das Jakobskreuzkraut dem Jakobstag, 25. Juli, zu verdanken haben. Dann steht das Kraut in voller Blüte. Aber auch zu anderen Zeiten, vorwiegend im Juni und Juli, blüht die Pflanze.

Sie wächst zunächst flach am Boden als Rosette – ähnlich einer Distel. Zur Blüte kommt das Kraut im zweiten Jahr, es erreicht eine Höhe von bis zu einem Meter. Jakobskreuzkraut kann man an seinen körbchenförmigen Blüten erkennen. Die Farbe der Blüten ist von einem kräftigen Gelb. Die Stiele haben öfters ­eine dunkelrote Färbung. 

Winter behandelte vor einigen Jahren ein Islandpferd, das am giftigen Jakobskreuzkraut einging. „Dem Wallach war nicht mehr zu helfen“, sagt der Tierarzt und berichtet, dass das gelbe Gift, wie Jakobskreuzkraut auch genannt wird, zu Leberbelastungen führe bis hin zu toxischer Leberzirrhose und zu Ausfällen im zentralen Nervensystem. „Normalerweise lassen Pferde das Jakobskreuzkraut stehen, es sei denn, die Weide ist abgegrast“, erklärt Winter.

Wenn kein anderes Futter zur Verfügung stehe, fräßen die Tiere auch die giftige Pflanze, „sie greifen mit dem Maul auch unterm Zaun durch und holen sich Grünfutter von der anderen Seite“.
Sein Tipp an alle Pferdehalter: nach dem Jakobskreuzkraut Ausschau halten, die Koppel und die angrenzenden Flächen ablaufen. „Am besten, man reißt es mit der Wurzel aus und beseitigt es, ohne die Samen weiter zu verteilen. Es gehört in den Müll oder sollte verbrannt werden.“

Mariendistel soll helfen

Eine Vergiftung durch Jakobskreuzkraut sei meist ein schleichender Prozess, erläutert Winter. „Es kann Monate dauern, bis ein Pferd auffällig wird – die Symptome kann man dann oft nicht klar einer Vergiftung zuordnen.“

Ein Anhaltspunkt sei, wenn die Tiere nicht richtig fräßen oder kaum zunehmen würden. Wenn ein Pferd viel von dem Kraut fresse, dann könne es auch schon innerhalb weniger Wochen zu einer toxischen Wirkung kommen. Aufklärung könne nur ein Bluttest bringen, bei dem die Leberwerte festgestellt würden.

„Inzwischen werden bei Pferden überall erhöhte Werte festgestellt – aber es gibt Grenzwerte, die nicht überschritten werden sollten“, sagt der Fachmann. Um sicherzugehen, sei es empfehlenswert, die Leberwerte von Pferden einmal im Jahr untersuchen zu lassen. Ähnlich wie beim Mensch habe die Leber beim Pferd eine gute Regenerationsfähigkeit, sagt der Tierarzt. „Präparate aus Mariendistel unterstützen die Regeneration, man kann sie zum Futter geben, wenn die Leber belastet ist.“

Das sagen Imker

Jakobskreuzkraut enthält sogenannte Pyrrolizidinalkaloide (PAs). Über Blüte und Nektar der Pflanzen können PAs in Honig gelangen. Seit 2014 werden in Schleswig-Holstein, wo das Jakobskreuzkraut weit verbreitet ist, alljährlich Sommerhonige auf PAs untersucht, da diese – auch beim Menschen – leberschädigend wirken können, wenn größerer Mengen aufgenommen werden.

Im Tierversuch haben sich PAs als krebserzeugend erwiesen, schreibt das Land Schleswig-Holstein in einer Öffentlichkeitsinformation. Ob dies auch beim Menschen der Fall sein kann, sei bislang nicht bekannt. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf seien bislang keine Probleme mit durch PAs belastetem Honig aufgetreten, sagt Joachim Schönig aus Sindersfeld, Honig-Obmann im Imkerverein Kirchhain und Umgebung: „Die Imker achten darauf, wo sie ihre Bienenvölker aufstellen und halten Abstand zu Brachflächen, auf denen große Mengen Jakobskreuzkraut wachsen.“

Das Jakobskreuzkraut hat sich in Hessen seit etwa zehn Jahren stark verbreitet. Vor allem, seit aus Gründen von Umweltschutz und Biodiversität vermehrt extensiv bewirtschaftete Flächen geschaffen würden und die Samen der dortigen Pflanzen vermehrt aufs Kulturland gelangten. Das erklärt Heinz-Hermann Nau-Bingel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Marburg-Biedenkopf, auf Anfrage­ der OP. „Die Artenvielfalt zu fördern, den Insekten Futterpflanzen zur Verfügung zu stellen, das sind ja berechtigte Interessen, die die Landwirte unterstützen, aber es sollte auch bedacht werden, wozu das führt.“

Das Jakobskreuzkraut habe­ „erheblichen Einfluss auf die Qualität des Futters für unsere­ Tiere“, sagt Nau-Bingel. Das Kraut führe nämlich nicht nur als frische Grünpflanze zu ­Vergiftungen, sondern auch als ­getrocknetes Kraut im Heu.

Eine Möglichkeit, gegen eine weitere Ausbreitung der giftigen Pflanze vorzugehen, sei das Mulchen von Flächen vor der Blühzeit, sagt der Bauernverbands-Geschäftsführer. Die Landwirte achteten schon in eigenem Interesse darauf, frühzeitig zu mähen. Doch breite sich das Kraut auch von Böschungen, Straßen- und Wegrändern weiter aus. „Da sind die Kommunen und die Straßenverkehrsbehörden gefragt, damit gemulcht wird, bevor die Pflanze blüht und sich weiter aussähen kann.“

von Carina Becker-Werner